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August
E. Hohler
Die
Ehe ist in der Krise, die Zweierbeziehung überfordert, das Zärtlichkeitsmanko
in der Welt enorm, die Feindseligkeit zwischen den Menschen
lebensgefährlich: Müssen wir da nicht, um die Chancen für
Friedfertigkeit und Wohlbefinden zu erhöhen, eingefahrene
Denkbahnen verlassen, zum Beispiel eingefleischtes Besitzdenken überwinden
und uns um einen neuen Begriff von Treue bemühen? Um eine Treue,
die sich nicht notwendigerweise als sexuelle Treue versteht,
sondern als Vertrauen, das aus der Zärtlichkeit und Freiheit wächst,
die wir als Liebende einander schenken?
August E. Hohlers "utopische Gedanken" sind eine Weiterführung
und Vertiefung seiner vielbeachteten Überlegungen, die im Oktober
1978 unter dem Titel "Wir leben. Leben wir? Und wozu?"
erschienen und die sich unter der Überschrift "Auf der Suche
nach dem Sinn unseres Lebens" auch in seinem Buch "Wozu
das alles?" (Ex
Libris Verlag, 3. Auflage 1981) finden. Einander halten in
Zärtlichkeit, einander lassen in Freiheit als Utopie geglückter
zwischenmenschlicher Beziehungen?
Einander
halten...
Meine
Mutter war über achtzig, ich über vierzig, als ich eines Tages
ungewohnter Weise (denn St. Galler sind trockene, "brötige"
Leute) meinen Arm um ihre Schultern legte und sie ein wenig an
mich zog, ein wenig an mich drückte - ohne ersichtlichen Anlass,
aus einer aufwallenden Zuneigung heraus oder vielleicht eher in
dem halbbewussten Bedürfnis, zu ihren Lebzeiten etwas zu tun, was
wir lebenslang verpasst hatten. Die Wirkung war erstaunlich und
wunderbar: die Mutter, diese alte, ganz unsinnliche Frau, wie ich
gemeint hatte, wurde über und über rot in ihrem jetzt plötzlich
zaghaft strahlenden Gesicht: rot vor Verlegenheit und Scham, rot
aber auch aus Freude und, ja, aus Vergnügen und Lust: ihr Körper,
zu dem ich nie eine Beziehung hatte, weil er gar keine zu erlauben
schien, antwortete dankbar zustimmend, fast ohne dass sie es
merkte.
Diese Sekunden der Zärtlichkeit, wortlos, denn da war nichts zu
sagen, unsere Körper sagten alles (und unser Körper, wenn wir
ihn gewähren lassen, weiß Bescheid), diese paar stummen Sekunden
wogen oder hoben Jahre und Jahrzehnte fruchtloser Streitereien
auf, wie sie zwischen, sagen wir, konservativen Eltern und abtrünnigen
Kindern seit je üblich sind; diese Augenblicke der Zärtlichkeit
räumten weg, was uns trennte, und legten frei, was verstellt auch
immer da gewesen war: Liebe, Dankbarkeit, Einverständnis, Wärme.
Schmelzprozess im Tiegel des Lebens, unvergesslich.
Übertreibe ich? Ich glaube es nicht. Es genügt, ein Kindlein in
den Armen seiner Mutter oder seines Vaters zu beobachten, seinen
zufriedenen Ausdruck, wenn es gestillt oder gestreichelt wird, um
zu sehen, dass Zärtlichkeit offenbar das Erdreich ist, auf dem
Geborgenheit, Lebendigkeit, Beziehungsstärke, Selbstvertrauen
wachsen. Zärtlichkeit hat mit den Augen, mit den Händen, mit der
Haut, mit dem Mund zu tun. Was macht eine glückliche Mutter? Sie
muss ihr Kindlein immerzu ansehen, immerzu streicheln, immerzu mit
ihm reden. Was machen Verliebte? Genau das gleiche. Der
unbeschreibbare Moment, in dem zwei Menschen einander erkennen und
zu Verliebten, Geliebten werden, verwandelt diese Menschen in
eigentümlicher und gewissermaßen eintöniger Weise: plötzlich
haben sie ein unbezähmbares Bedürfnis, einander zu halten,
einander in die Augen zu blicken, einander alles mitzuteilen.
Verliebtheit als Dammbruch, der die Grenzen meiner Individualität
überspült und dessen einströmende Wasser mich lebendig, empfänglich,
aber auch wehrlos machen; das Bedürfnis nach Nähe,
wechselseitiger Annahme und Bestätigung, nach Vereinigung,
Einswerdung, Verschmelzung als natürliche Folge. Einander halten,
Halt geben in der Wehrlosigkeit des Dammbruchs.
Beschreibe ich eine Idylle? Die Welt sieht nicht idyllisch aus.
Ich beschreibe Selbstverständliches, aber das Selbstverständliche
ist selten. Und der katastrophale Mangel an Zärtlichkeit in der
Welt sollte uns nicht wundern: da sie entspannt und glücklich,
anteilnehmend und friedfertig macht, wäre ihre Ausbreitung
subversiv, revolutionär. Zärtliche Menschen sind schlechte
Soldaten, unwillige Anpasser und zurückhaltende Konsumenten, also
keine Leute, die unsere Gesellschaftsordnung braucht.
Systemstabilisierend sind vielmehr aggressive, kriegerische
Gesinnung (die sich bei uns unter vielen Mänteln verbirgt) und
offen am Tage liegende Konsumwut. Sie werden gemästet von den
Frustrationen derer, die bei materiellem Wohlstand seelisch
darben, und das sind die meisten von uns. Es ist eine traurige
Tatsache, dass die physische Hungersnot, unter der zwei Drittel
der Erdbevölkerung leiden, ihr Gegenstück in der psychischen
Hungersnot der Reichen und Überzivilisierten hat, und es ist
verheerend, dass unserem Zärtlichkeitsmanko unser Manko an
Solidarität mit den Armen dieser Welt entspricht.
Einander halten in Zärtlichkeit: darauf kommt es an. Aber nicht
nur darauf. Das Kindlein wird größer und strebt, obwohl es immer
wieder in ihre Arme zurückkehrt, von der Mutter weg, will auf
eigenen Füssen stehen. Wir müssen es lassen. Die Verliebten,
wenn sie wachsen wollen, überwinden die Weltverengung ihrer
Verliebtheit in der weltoffenen Freiheit ihrer Liebe. Sie müssen
einander lassen. Das ist schwer, vielleicht schwerer als alles
andere im Leben, und es kann sehr weh tun. Aber Treue, dies
vorweg, ist, wo zwei einander nicht lassen, ein kümmerlicher
Ersatz für Freiheit und keine Gewähr für Dauer.
"Loo mi sii!" sagt das Mädchen zu seinem Vater, der Schüler
zu seinem Mitschüler, der Mann zu seiner Frau oder Freundin,
"lass mich sein!" Eine Aufforderung mit klarer Aussage:
Lass mich in Ruhe, im Frieden, stör, bedrängt mich nicht, komm
mir nicht zu nah, lass mich los... Aber die gängige Redensart
geht genau besehen tiefer, hinunter in die Wurzel des Menschseins
überhaupt. LASS MICH SEIN: das ist unsere Urbitte, das
Wichtigste, was wir verlangen, das Beste, was wir bekommen können.
Lass mich sein - das heißt: Gewähre mir meinen Platz in der
Welt, lass mich gelten, lass mich atmen, leben, lass mich so sein,
wie ich bin, akzeptiere, dass ich so und nicht anders bin.
"Du bist du, und ich bin ich... Kontakt ist die Anerkennung
von Unterschieden", hat Fritz Perls, der Begründer der
Gestalt-Psychologie, gesagt.
Einander lassen: es klingt einfach, einleuchtend, und liegt doch
quer zu unserer ganzen Kultur, in der wir aufs Vereinnahmen,
Festhalten, Besitzen, Verfügen - aufs Haben, nicht aufs Sein -
getrimmt werden, einer des anderen Eigentum und Beute, in der Ehe
zum Beispiel. Rilkes Vers "Wir haben, wo wir lieben, ja nur
dies: einander lassen..." meint vieles: einander sein lassen,
wie gesagt, ohne sich vom andern ein Bild zu machen und ihn/sie
nach diesem Bilde ständig ummodeln zu wollen: einander loslassen
- denn wenn wir uns unentwegt festhalten, buchstäblich und im übertragenen
Sinn: wie können wir da aufeinander zugehen? Einander lassen,
einander sein lassen, einander loslassen - überhaupt loslassen:
ein Kind, einen Besitz, ein Ziel -, einander gehen lassen: gehen
lassen in der schlichtesten und in der weitestreichenden Bedeutung
und dazwischen in allen Variationen.
Lässt der Mann seine Frau gelegentlich allein ins Kino gehen,
wenn sie möchte? Lässt sie ihn einmal allein in die Ferien
gehen, wenn er möchte? Darf er, darf sie Freunde und Freundinnen
haben, die nicht gemeinsame Freunde sind, und lassen sie einander
allein zu ihnen gehen? Billigen sie einander Liebesbeziehungen außerhalb
der Ehe oder Partnerschaft zu, ohne mit Verbot, Abbruch der
Beziehungen oder Mord zu drohen? Lassen sie einander, im Falle des
Scheiterns, ohne Groll ziehen und können vielleicht doch gute
Freunde, gemeinsam sorgende Eltern ihrer Kinder bleiben?
Mit solchen Fragen kommt Angst ins Spiel, Verlustangst,
Einsamkeitsangst, Unlust, Eifersucht; die meisten von uns haben
wenig Vertrauen in die Freiheit und scheuen ihre Risiken, die
unbestreitbar sind. Dabei wissen wir natürlich, dass
Selbstverwirklichung, die heute von Frauen wie Männern angestrebt
wird, nur möglich ist, wenn wir einander Raum gewähren, Freiheit
lassen; aber dieses Wissen trägt nicht weit.
Tiefer ist die Einsicht, dass ich einen geliebten Menschen am
besten "halte", wenn ich ihn "loslasse", dass
wechselseitige Freiheit die verlässlichste Gewähr für wirkliche
Verbundenheit bietet, die einzige: indem wir einander
Entscheidungsmöglichkeiten zubilligen, können wir aus eigenem
Antrieb zusammenbleiben oder zurückkehren. Das schreibt sich
leicht, ist hart zu glauben und schwer zu praktizieren. Nicht das
Loslassen, sondern das Festhalten haben wir gelernt, nicht die Lässigkeit,
sondern den Krampf. Und doch ist das Loslassen, wie ja der
Ausdruck sagt, das Ende einer Anstrengung und macht Energien frei,
die im Festhalten blockiert sind: macht meine Hände frei.
Einander halten in Zärtlichkeit, einander lassen in Freiheit: wie
geht das zusammen?
"Zärtlichkeit ist eine Existenzform", hat Jean-Paul
Sartre gesagt, und da es dieser unzimperliche, militante Philosoph
sagte, können wir daraus schließen, dass er unter Zärtlichkeit
nichts Lauwarmes, Schwächliches, sogenannt Unmännliches
verstand, dass Zärtlichkeit und Auseinandersetzung einander nicht
ausschließen, sondern vielmehr bedingen, indem, wie wir wissen,
Intimität sehr oft überhaupt erst nach fairem, vielleicht hartem
Kampf möglich wird und in gereinigter Atmosphäre doppelt köstlich
schmeckt, indem, anderseits, aufstellende Intimität den Weg zur
fruchtbaren Auseinandersetzung ebnet. Entscheidend im zärtlichen
und kämpfenden Umgang ist die Offenheit der Partner; sie kann
verhindern, dass sich unmerklich-unaufhaltsam jenes ätzende Gift
des Ungesagten, Unbereinigten anhäuft, das so viele Beziehungen
zersetzt und ruiniert.
Offener Umgang verhindert Giftbildung, nicht aber Schmerz. "Zärtlichkeit"
kommt von "zart", und "zart", wenn wir den
etymologischen Wörterbüchern trauen dürfen, geht zurück auf
persisch-indogermanische Ausdrücke, die "Schmerz"
bedeuten. Wortgeschichtlich bezeichnet "zart",
erstaunlich genug, einen Verfeinerungsprozess, der mit Schmerz
verbunden ist...
"Zärtlichkeit ist eine Existenzform", das heißt, eine
Grundhaltung des In-der-Welt-Seins, die auch dem Stein, dem Tier,
dem Baum gilt, und im geliebten Menschen aller Kreatur. Ist damit
das Urteil über die Zweierbeziehung gesprochen? Das glaube ich
kaum. Noch immer glaube und vermute ich, dass die besondere
Verbindung zu einem besonderen Menschen einem Grundbedürfnis
entspricht - wenn auch (wir kommen darauf zurück) dieses Grundbedürfnis
nach Geborgenheit, Heimat, Wärme möglicherweise in einem
weiteren Kreis liebend verbundener Menschen zuverlässiger
gestillt werden kann. Aber ganz lassen sich Zärtlichkeit als
Existenzform und Zweierbeziehung mit striktem Ausschließlichkeitsanspruch
nicht vereinbaren. Die Zweierbeziehung erstickt an ihrer Ausschließlichkeit;
wenn wir einander nur halten und nicht lassen, wenn die besondere
Zuwendung zu einem bestimmten Menschen bedeutet, dass ich mich
gewissermaßen von allen anderen abwende, dann wir die ersehnte
Geborgenheit zum Gefängnis und Grab, die Heimat zur Hölle.
Die Zweierbeziehung im Sinne der strikt monogamen Einehe oder
Partnerschaft ist eine unter vielen möglichen Formen des
Zusammenlebens, nicht aus der Natur des Menschen ableitbar,
ethnologisch-historisch gesehen keine Regel, sondern die Ausnahme
in der Vielfalt der Kulturen, und sie scheitert immer wieder,
immer mehr, weil sie eine unrealistische Überforderung darstellt.
Es fragt sich sehr, ob der romantisierte Mythos von der
einmaligen, einzigartigen Liebe, menschheitsgeschichtlich jung und
vermutlich bereits am Verblassen, überhaupt ein Ideal oder nicht
vielmehr ein Unglück und im Grund liebesfeindlich ist. Die
Partner einer Zweierbeziehung sind in doppelter Weise überfordert:
sie bürden einander zuviel auf, und sie dürfen sich selber nicht
treu sein.
Sie bürden einander zuviel auf: Wenn die Idealvorstellung von mir
verlangt, dass ich dem andern "alles" bin,
"ganz" mich gebe, "jederzeit" und "für
immer", sind Enttäuschung und Ernüchterung vorprogrammiert,
allmähliche Verödung oder plötzlicher Kurzschluss
unvermeidlich, denn ich kann die übermäßigen, eigentlich
un-menschlichen Erwartungen nicht erfüllen. Die zweite Überforderung
besteht darin, dass die Partner einer Beziehung mit Ausschließlichkeitsanspruch
sich selbst nicht treu sein dürfen. Die Wahrheit ist, dass
Menschen einander gefallen. Die Wahrheit ist, dass ich mehr als
einen Menschen lieben kann, nacheinander, auch miteinander. Die
Wahrheit ist, dass mein erotischer und sexueller Appetit, wenn ich
ehrlich bin, jeden Tag und allenthalben angeregt werden kann.
Wenn ich nicht ehrlich bin, wenn ich das Offenkundige bestreite,
meine Bedürfnisse, Gefühle, Gelüste leugne (ihnen im geheimen
aber wohl nach Möglichkeit dennoch nachgebe), kommt zur Überforderung
die Lüge, und da uns die Wahrheit frei macht, wie in der Schrift
zu lesen ist, bewirkt die Lüge das Gegenteil: Unfreiheit, in der
Zärtlichkeit und Liebe erlöschen wie die Kerze unter Glas.
Der ausschließende Charakter strikter Zweierbeziehungen beginnt längst
vor der Sexualität. Es gibt Menschen, die dem Frieden
beziehungsweise der Treue zuliebe ihre Blicke, ihr Hände, ihre
Haltung, ihre Bücher, ihr Gedanken, ihr Freunde und am Ende sich
selbst opfern. Das ist schlimm genug. Aber trotz aller sexuellen
Revolution und freimütigen Praxis scheint die kritische Frage für
viele noch immer zu lauten, ob zwei außerhalb der Ehe oder
Partnerschaft miteinander geschlafen haben. Der Beischlaf als
kritische Grenze und Treuetest, noch immer, vielleicht wieder
vermehrt: muss das sein, warum ist das so?
Das führt uns zur Befassung mit dem Stellenwert dessen, was wir
Treue nennen, und mit dem Stellenwert der Sexualität.
Alles Lebendige ist schön, alles Lebendige kann weh tun. Zärtlichkeit
als Existenzform, als Grundhaltung, als zwischenmenschliches Klima
macht uns lebendig, weich, empfänglich, auch verletzlich. Treue
als unbedingte Forderung und eisernes Prinzip tötet uns ab, mach
uns hart, abweisend, rechthaberisch. Aber indem ich die sexuelle
Treue als Prinzip in Frage stelle, erhebe ich nicht Untreue,
Treulosigkeit zum Prinzip. Menschen sind verschieden, und unter
Treue können wir Verschiedenes verstehen. Es kommt nicht darauf
an, sie über Bord zu werfen - ebenso wenig wie die Geborgenheit
-; es kommt darauf an, glaube ich, ihr einen weiteren und
tieferen, lebens- und menschenfreundlichen Sinn zu geben. Menschen
sind verschieden; wem sexuelle Treue kein Problem, sondern ein Bedürfnis
ist, der braucht sich wahrhaftig nicht zum Seitensprung zu zwingen
(die einfältigste und gefährlichste Wirkung der sogenannten
Sexwelle besteht darin, dass sie Leute, die eigentlich ganz
zufrieden wären, einer Art Leistungsdruck aussetzt, der sie
verunsichert statt glücklicher macht).
Aber für die meisten Menschen ist sexuelle Treue, mindestens
zeitweise, ein Problem. Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass er
nicht so sehr aus Überzeugung treu ist (wenn er es ist), sondern
aus Mangel an Mut und Gelegenheit, aus Angst vor Folgen und
Weiterungen, vielleicht aus Rücksicht auf den Partner, der andere
Anschauungen hat. Solche Rücksicht ist wichtig und unerlässlich,
aber auf die Dauer keine Lösung. In Ehen oder Partnerschaften,
die nur noch aus Rücksichten und Versagungen aus Rücksicht
bestehen, ist "allmählich alles aus Porzellan", wie es
bei Martin Walser in seinem Stück "Die Zimmerschlacht"
heißt: zerbrechlich, dünn, unheimlich, und erst recht in einer
Gruppe von Menschen, in Haus-, Wohn-, Produktions- und
Lebensgemeinschaften. Und dieses Problem, das viel Unsicherheit
mit sich bringt, erfordert entsprechende Beziehungsarbeit, auch
Schmerzarbeit, auch Trauerarbeit.
Sexuelle Treue als gegenseitige Eigentumsgarantie, von der her
Untreue zur Eigentumsverletzung, zu Einbruch und Diebstahl wird, lässt
solche Arbeit nicht zu. Die Kalten Krieger der Liebe, wie ich sie
einmal nennen möchte, denen Konsequenz über alles geht, die den
Partner sofort vor das ultimative Entweder-Oder stellen - er oder
ich, sie oder ich -, die "klare Verhältnisse" fordern,
"reinen Tisch" machen und haufenweise Tischtücher
zerschneiden - was verteidigen sie, was verteidigen wir denn? Die
Treue? Die Liebe? Einen Besitz? Die Weite oder die Enge?
Wachsendes oder verdorrendes Leben? Sie/wir, das ist gewiss, kämpfen
so jedenfalls mit untauglichen Mitteln um den geliebten Menschen.
Treue: soweit der Begriff nach Vaterland, Heldentum, Krieg
schmeckt, ist er mir unsympathisch; "treu bis in den
Tod", "treu zur Fahne", "in Treue fest",
das klingt nicht gut in meinen Ohren, klingt nach jener
konsequenten Männlichkeit, welche mit dem Kopf durch die Wand
will und um der angeblichen Gerechtigkeit willen allemal die Welt
zugrunde gehen lässt. Treue: soweit sie den geliebten Menschen
als Besitz unter Verschluss legt, also zum Gegenstand macht, ist
sie unwürdig. Sexuelle Treue: soweit sie natürlichen Bedürfnissen
und der Zärtlichkeit als Existenzform zuwiderläuft, ist sie,
meine ich, unmöglich und unnötig.
Gibt es einen anderen, weiteren, tieferen Begriff von Treue? Ich
glaube schon. Nicht die Sexualität wäre dann das Kriterium,
sondern das Vertrauen, das aus Zärtlichkeit und Freiheit wächst;
einander zärtlich halten, einander freilassen: das ist die
Voraussetzung, um zueinander zu halten in einer Treue,
Verbundenheit und Verlässlichkeit, die Stürme und Schmerzen überdauert
und vielleicht sogar sich freuen kann an der Liebesfreude des
andern. Wenn wir aufhören, einander zu gehören, können wir
besser zueinander gehören. Und wenn wir aufhören, die Sexualität
so entsetzlich wichtig zu nehmen, kann sie schöner werden und das
Problem der Treue entschärfen.
Am Tag, an dem die Mehrheit der Menschen erkannt hat, dass es natürlicher
ist, wenn wir einander lieben, als wenn wir es nicht tun oder
einander hassen, an dem Tage wird die Welt, falls sie noch steht,
gerettet sein. Es ist natürlicher, einander anzusehen, als
wegzusehen. Es ist natürlicher, miteinander zu reden, als stumm
zu bleiben. Es ist natürlicher, einander zu berühren, als unberührt
zu sein. Es ist natürlicher, einander zu wärmen, als einander
kalt zu lassen. Es ist natürlicher, sich zu vereinigen, also
miteinander zu schlafen, als getrennt zu bleiben. Wenn so die
Sexualität in ein lebendiges Leben freundlichen Kontakts
eingebettet ist, wenn sie die mögliche Fortsetzung des
zwischenmenschlichen Gesprächs mit andern Mitteln wird, dann
verliert sie an bedrohlicher Wichtigkeit, um dafür an
unbefangener Schönheit, an Reiz und Köstlichkeit zu gewinnen.
Und wenn wir einander auf diese Weise wirklich halten, dann können
wir uns auch wieder lassen: füreinander sein, ohne einander zu
haben.
Dies ist kein Text, der ausdrücklich von Emanzipation handelt, er
setzt sie gleichsam voraus. Wenn ich den Aufbruch der Frauen in
der Welt, vielleicht das folgenreichste Ereignis der zweiten Hälfte
unseres Jahrhunderts, richtig verstehe, so geht es nicht darum,
dass Frauen werden wie Männer, dass also das Potential an Männlichkeit
überflüssigerweise noch vermehrt wird, sondern ganz im Gegenteil
darum, dass die Frauen ihrer eigenen Kraft und Stärke innewerden
und vertrauen, dass sie das Potential an Weiblichkeit in der Welt
vermehren und dadurch (man kann nur hoffen) die lebensgefährlich
gewordene Dominanz und Einseitigkeit erobernder Männlichkeit überwinden:
dass "Ehrfurcht vor dem Leben" sich gegen die Mächte
der Vernichtung durchsetzt.
Zum Potential an Weiblichkeit gehört in besonderer Weise die Zärtlichkeit
als Existenzform, und aufgewertete Zärtlichkeit bewirkt
grundlegende Veränderungen in unserem intimsten Bereich, in der
Sexualität, die ihrerseits globale Entwicklungen widerspiegelt.
Die grundlegende Veränderung besteht darin, dass Sexualität
unter Gleichwertigen, Ebenbürtigen, Mündigen nicht als Eroberung
und Unterordnung, sondern als Begegnung und freiwillige Hingabe
stattfindet. Zärtlichkeit gilt immer dem ganzen Menschen -
streichelt ihn von Kopf bis Fuß -; sie ist insofern wichtiger,
umfassender als Sexualität, diese nur ein Teil von ihr. Der
traditionelle Mann, gewohnt, mit seinem eindringenden Penis direkt
ans Ziel zu gelangen, ohne Umwege, wie er meint, hat Mühe mit
dieser Veränderung, ist ratlos gegenüber der streikenden, sich
verweigernden Frau, die den Beischlaf als solchen relativ
unwichtig und erst dann schön findet, wenn sie als ganzer Mensch
zum Blühen gebracht wird. Die Lektion Zärtlichkeit ist der
schwierigste, notwendigste, lohnendste Teil männlicher
Emanzipation - lohnend, weil viel Einbildung, Imponiergehabe,
Leistungszwang und Versagensangst sich als entbehrlich erweist,
und weil sie alles ein bisschen normaler, ein bisschen unwichtiger
und sehr viel schöner macht.
Zärtlichkeit, die nicht besitzen will, sondern gelten lässt, ist
gegen niemanden gerichtet; einander zu gefallen, kann durchaus genügen;
körperliche Freuden, sexuelle, sind ein eigenständiger Wert und
brauchen - bräuchten - nicht zu Ehekrise und Eifersuchtsdrama zu
führen.
... Wenn, wie in der Schweiz geschehen, 1979 fast ein Drittel
weniger Ehen geschlossen wurden als zehn Jahre zuvor, während die
Scheidungen im gleichen Zeitraum um Dreiviertel zunahmen, kann das
kein Zufall mehr sein; dafür wie für das ständige Anwachsen
amtlich-kirchlich nicht abgesegneter Formen des Zusammenlebens
gibt es viele Gründe. Abgesehen von der freien Zweierbeziehung,
welche fast die gleichen Probleme birgt wie die Ehe, außer dass
Auflösung und Wechsel leichterfallen, sind zwei scheinbar gegensätzliche
Tendenzen besonders aufschlussreich: die Tendenz, allein zu leben,
und die Tendenz, sich in Gruppen zusammenzuschließen. Beides
braucht nicht für immer zu sein, kann auch alternieren; in beiden
Fällen, darum sind sie nur scheinbare Gegensätze, geht es mit
unterschiedlicher Akzentuierung um die bekömmliche Mischung von
Distanz und Nähe, Freiheit und Geborgenheit, Halten und Lassen;
beiden, den Allein- und den Zusammenlebenden, ist die
traditionelle Ehe und Kleinfamilie zu eng. Die berufstätige Frau
zumal, auf eigenen Füssen stehend, weil wirtschaftlich unabhängig,
ist auf die Zweierbeziehung mit dem verdienenden Mann nicht mehr
angewiesen; Geborgenheit scheint sie, so oder so, leichter zu
finden als er.
Und die Kinder? Aber die Kinder? Es darf bezweifelt werden, dass
die Ehe als überforderte Zweierbeziehung, die isolierte
Kleinfamilie, in der faktisch meist nur die Mutter als
Bezugsperson übrigbleibt, dass also das Ghetto der Ausschließlichkeit
dem Kind ideale Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Es bietet sie
nicht. Wenn Kinder auch mit andern Müttern und Vätern, mit
andern Mädchen und Buben regelmäßige Kontakte und gefühlsmäßige
Bindungen haben, etwa in einer Haus- oder Wohngemeinschaft,
gedeihen sie besser, leichter, unbefangener; und die
Mutter-Kind-Beziehung, entlastet vom Übermaß exklusiver Ansprüche,
kann um so herzlicher werden. Ja, es scheint, dass kleine Kinder
dort, wo Menschen die Zärtlichkeit als Existenzform ernst zu
nehmen versuchen - was übrigens nicht ernst sein muss, sondern
heiter und erholsam sein kann -, mit den Problemen der Eifersucht
leichter fertig werden als ihre Eltern.
Wenn wir einander halten in Zärtlichkeit, einander lassen in
Freiheit; wenn wir Treue nicht mehr vom Sexuellen her definieren,
sondern als ein verlässliches Zueinandergehören in Zärtlichkeit
und Freiheit verstehen; wenn Sexualität weniger wichtig und dafür
schöner, selbstverständlicher wird, weniger mit Eroberung und
Besitz zu tun hat als Ausdruck der Lebensfreude ist: liegen dann
die Qualen der Eifersucht hinter mir? Theoretisch ja; vielleicht;
nicht unbedingt; möglicherweise überhaupt nicht. Ich weiß, dass
ich eifersüchtig bin; aber ich weiß auch, dass die Augenblicke,
in denen ich meine Eifersucht überwand, zu den glücklichsten im
Leben gehörten, glücklich wie jene, in denen geliebte Menschen
in meiner Liebe, die ja im Grund immer eine Liebe ist, für eine
Weile ununterscheidbar werden. Ich sehe, dass die meisten Menschen
eifersüchtig sind, aber nicht alle, jene zum Beispiel nicht oder
weniger, die sich zwar freuen an schönen Dingen, ohne doch ihr
Herz an äußeren Besitz zu hängen, jene zum Beispiel, die in
ihrer Kindheit, vielleicht in einer großen Familie, genügend
Streicheleinheiten bekommen haben, um eine Selbstsicherheit zu
entwickeln, die auch mit der Angst vor dem Vergleich, vor der
Konkurrenz, vor Verlust und Einsamkeit fertig zu werden vermag.
Eifersucht muss nicht sein, ist keine Naturerscheinung, kommt in
manchen Kulturen nicht vor. Gut zu wissen; doch was hilft's? Hier
kommt sie vor, tut weh oder macht rasend oder beides zusammen, und
wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Lebendiges Leben, in
dem wir die Grenzen unserer Individualität öffnen und überschreiten,
ist ohne Schmerz nicht zu haben, das Loslassen in unserer Kultur
des Festhaltens und Besitzens schwer zu lernen. Wollen wir nicht
besser die Fahnen einziehen? Aber wer einmal auf den Geschmack des
Lebens und Liebens ohne Parzellen, Stacheldrahtverhaue und
Minenfelder gekommen ist, wird am Ende lieber die Schwierigkeiten
der Freude als die Öde der Freudlosigkeit auf sich nehmen, sogar
quälende Unsicherheit einer schalen, faden Sicherheit vorziehen.
Die Ehe als überforderte Zweierbeziehung hat ihre gewissermaßen
logische Entsprechung und ihr fatales Gegenstück in der
Ehescheidung, die ihrerseits vielfach eine Überforderung ist,
nicht selten mehr Probleme schafft als löst und so neue
Beziehungen im Keim vergiftet. Die Ausschließlichkeit des
Einander-Gehörens und die Endgültigkeit des Einander-Verlassens
passen in ihrer konsequenten Härte zusammen, verletzen aber
elementare Bedürfnisse des Menschen, die auf Entfaltung und Dauer
gerichtet sind, und schneiden damit ins Fleisch des lebendigen
Lebens. Dem kurzgeschlossenen Treuebegriff entspricht der
Kurzschluss der radikalen Trennung, die häufig als sogenannte
"einzige Lösung" nur übrigbleibt, weil die Öffnung
und Durchlüftung der Ehe missglückte oder nicht einmal in
Betracht gezogen wurde.
Es gibt gewiss viele Leute, die einander besser nicht geheiratet hätten;
aber es gibt auch solche, die, einmal verheiratet, besser
beisammen bleiben würden, denen das Risiko des Teilens bekömmlicher
wäre als das Risiko des Trennens. Verbinden ist
lebensfreundlicher als scheiden, Beziehungsschmerzen in der Ehe
auszutragen hilfreicher als nach ihrer Auflösung. Der Ehebruch
braucht, wie erfahrene Psychologen und auch Theologen wissen, die
Ehe nicht zu brechen, er kann sie aufbrechen zu einer Weite, in
der die Partner freier atmen und einander, jenseits des
Besitzdenkens, tiefer lieben lernen. Aber ohne Schmerzarbeit
geschieht das nicht.
Nun tritt ja freilich der "Ehebruch" als offizieller
Scheidungsgrund immer mehr zurück, und das scheint auf eine
abnehmende Bedeutung der sexuellen Treue schließen zu lassen.
1969 wurden rund 6000 Ehen in der Schweiz geschieden, 1978 10'500;
die Zahl der Scheidungen wegen "Ehebruch" blieb bei 1500
annähernd stationär, ist also verhältnismäßig stark rückläufig,
während die Scheidungen wegen "Ehezerrüttung" im
gleichen Zeitraum von 4300 um mehr als das Doppelte auf 8900
zunahmen.
Aber erstens spielen sexuelle Probleme auch bei "Zerrüttung"
nach wie vor eine große Rolle, und zweitens ist das
"Einander halten" und "Einander lassen", an
dem zerrüttete Ehen scheitern, nicht immer und unbedingt und
bestimmt nicht nur eine Frage der Sexualität, sondern der
Lebenseinstellung überhaupt. Ist die Ehe ein Wall, eine Festung,
welche die Beteiligten die traurige Sicherheit von
Nachtschattengewächsen bietet, so wird sich blühendes Leben außerhalb
ihrer Mauern entfalten wollen. Ist sie es nicht, ist sie offen für
Luft, Licht und Wärme, offen für andere Menschen, so verliert
die Wendung, dass hier etwas "gebrochen" wird, ihren
Sinn. Und dann werden die Beteiligten die Inkonsequenzen des
Lebens, auch wenn sie weh tun, der Konsequenz rabiater Schnitte,
die abtöten, vorziehen: lieber miteinander oder in einer größeren
Gruppe von Leuten arbeiten, als erbittert voneinander gehen.
Dies sind utopische Gedanken. Nicht Lösungen und Rezepte bieten
sie an, sondern Möglichkeiten, die, weil sie lebens- und
menschenfreundlich sind, Wirklichkeit werden möchten, Möglichkeiten,
die, weil sie die Menschen befreien, entspannen, befriedigen, die
Chancen des Friedens auf der Welt erhöhen (was bitter nötig
ist).
Die Utopie ist ein lebendiges Leben, in dem Geborgenheit in mir
selbst und unter den Mitmenschen, in dem Freiheit für mich und
die andern aus der Zärtlichkeit als Existenzform wächst, ein
lebendiges Leben, in dem die Liebe zweier Menschen sich nicht
abkapselt, sondern der Gemeinschaft öffnet, ein lebendiges Leben,
in dem nicht kalte Treue die Menschen zu Besitztümern hinter
Stacheldraht erniedrigt, sondern freimütige Sexualität als
Ausdruck der Lebensfreude und Zuneigung sich ohne Leistungsdruck
und ohne Sanktionsdrohungen äußern darf.
Die Utopie ist ein lebendiges Leben, in dem wir uns lieber
streicheln als schlagen, lieber umarmen als fertigmachen, in dem
die Zärtlichkeit als Existenzform Eis schmilzt und Grenzen
niederlegt, in dem sie vielleicht sogar eine neue Art der Liebe
und Geborgenheit in einer Gemeinschaft von Menschen stiftet, die
einander halten und einander lassen, und deren Treue auch die Stürme
und Schmerzen und Konflikte, die es immer unter uns geben wird, in
neuer Verbundenheit und Verlässlichkeit überdauert.
Der Mensch ist nicht auf Feindseligkeit, Hass und Krieg angelegt,
sondern, wenn wir ihn zärtlich halten und frei gewähren lassen,
auf Freundlichkeit, Liebe und Frieden.
Aber die Zeiten wirklichen Friedens sind bis jetzt ebenso
Ausnahmen wie die Oasen gelebter Liebe. Und wenn sich das nicht ändert,
werden wir daran ersticken, wird die Welt daran zugrunde gehen.
Die Utopie ist, dass die Liebe zur Regel wird.
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