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Maura
R. O'Connor
AMERIKAS
HERZBLATT HAT SICH AUSGEHERZT.
Als wir Samantha zum ersten Mal vollkommen nackt sahen und auch
Zeuge wurden, wie Miranda ihren Vibrator benutzte, den sie in der
Nachttischschublade aufzubewahren pflegte, oder als wir mit der
Hauptperson Carrie mitfühlten – sogar noch als sie mit zwei Männern
gleichzeitig schlief – da hatte es uns sicher noch kollektiv den
Atem verschlagen. Nach der 6. Staffel und 86 Episoden über
Martinis, Schuhe und anschaulich geschilderten Sex, sowie den
verworrenen Kommentaren über das Leben als Frau am Beginn des 21.
Jahrhunderts, endet Sex and the City in diesem Jahr, und ich frage
mich jetzt, ob überhaupt noch jemand schockiert ist. Hatte außer
den Produzenten noch jemand mitbekommen, dass die Show in
Deutschland eine regelmäßige Einschaltquote von 3 Millionen
Zuschauern erzielte? Wieso hat in den USA niemand protestiert,
dass Sex and the City vier Jahre nacheinander den
Gracie-Allen-Preis, den angesehendsten amerikanischen
Frauen-Fernsehpreis gewonnen hat? Ich meinerseits kann mich nur
fragen, ob es an der Szene in der 4. Staffel gelegen hat – als
Samantha auf die Knie ging, um ihren Chef in einem gläsernen Büro
mit oralem Sex zu beglücken –, dass die Serie in dem Jahr diese
Auszeichnung für "das positive und realistische Bild der Frau
in der Unterhaltung" einheimste. Der Gedanke, dass derlei Dinge
unbeachtet vorüber ziehen können, ohne dass bei uns die
Alarmglocken läuten, hat schon ein bisschen was Erschreckendes…
Doch dann wurde ich von einem geheimnisumwitterten Mitglied der
Filmcrew kontaktiert, das mir ein bis dahin unveröffentlichtes
Drehbuch zukommen ließ… Als eine der letzten acht Episoden war
dieses Drehbuch für Februar im Kabel-TV geplant. Mit aller
Deutlichkeit zeigt das Script, dass diese Show sich nicht nur
stolz als Maßstab für die postmoderne Ethik in unserer heutigen
Pop-Kultur versteht, sondern dass es ihr sogar gelungen ist, die
Haltung eben jener Kultur akkurat wiederzugeben. Anders gesagt:
Wer die moralische Struktur des postmodernen Amerika untersuchen
will, braucht dazu nichts weiter als Sex and the City.
1.
AUSSEN. STRASSE IN NEW YORK. TAG
(T1)
Carrie eilt – topmodisch gekleidet – die Straße hinunter. Die
Sonne scheint. Sie wirkt selbstsicher und glücklich. Mit einer
Gruppe von Leuten bleibt sie an einem Fußgängerüberweg stehen.
Aus dem Hintergrund taucht eine ungepflegte, obdachlose Frau auf.
OBDACHLOSE: T'schuldigung, haben Sie vielleicht
was Kleingeld?
CARRIE: Tut mir Leid! (kramt halbherzig in ihrem
Fendi-Täschchen) Ich hab' keins!
Die Obdachlose drängt weiter über den Zebrastreifen, und Carrie
beobachtet sie einen Moment lang aufmerksam, runzelt nachdenklich
die Stirn, schaut erneut in ihre Geldbörse und zieht dann eine
Eindollarnote heraus.
CARRIE: Hallo! Entschuldigung! (rennt unbeholfen
auf ihren Stiletto-Absätzen hinterher) Hier! (außer Atem) Hier,
bitte.
CARRIE:
(O.-S.) Es
gibt schon wirklich eigenartige Tage. In dem überwältigenden Gefühl,
dieser Frau helfen zu müssen, hatte ich riskiert, mir den Knöchel
oder – noch schlimmer – die Ferse zu brechen, nur um einen
Dollar zu verschenken. Was hatte mich bloß zu dieser ungewöhnlich
mildtätigen Geste getrieben? Als ich mir ein Taxi nahm, dachte
ich über diese Frage nach. Wo kommt dieses neue Bewusstsein so plötzlich
her? Hatte es mit dem konservativen Oscar-de-la-Renta-Hosenanzug
zu tun, den ich gerade gekauft habe? Oder mit der Anzeige über
eine Patenschaft für ein asiatisches Kind? Plötzlich fiel es mir
ein.
RÜCKBLENDE – Bilder von Carrie beim Sex mit
einem unbekannten Mann.
CARRIE
(O.-S.) (FORTS.):
Vor zwei Tagen bin ich abends ausgegangen und habe einen
Sozialarbeiter kennen gelernt. Er sah gut aus, und die Nacht
endete in einem fantastisch wilden Sexgelage… Aber wie, zum
Teufel, geht das denn?
SCHNITT:
2. INNEN. GESCHÄFTIGER RESTAURANTBETRIEB. TAG (T1)
Die vier Freundinnen – Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte
– sitzen beim Brunch an ihrem Stammtisch.
NAHAUFNAHME – winzige Essensportionen.
CARRIE (O.-S.): Als ich meinen drei besten
Freundinnen diese
Neuigkeit erzählte, wurde mir klar, dass die Thematik meines
sexuell übertragenen Gewissens (SÜG) bei
unserem allwöchentlichen Brunch vielleicht nicht ganz angebracht
war…
MIRANDA: Das ist dermaßen ekelhaft, Carrie.
SAMANTHA: Es interessiert doch einen feuchten
Kehricht, wo du es herhast, Liebes, sieh lieber zu, dass du es
wieder loswirst!
CARRIE: Aber wie?! Tut mir Leid, aber für eine
"Moral-Pille danach" ist es jetzt wohl etwas zu spät!
CHARLOTTE: Oh, dann behalt ’s doch, Carrie! Du
kannst zu meinen wöchentlichen Ortsverbandstreffen der
Park-Avenue-Frauengruppe für die Besserstellung Obdachloser
kommen! Da geht’s wirklich ganz exklusiv zu…
CARRIE: Hört mal, ich muss doch bloß darüber
nachdenken, was das bedeuten soll. . .
MIRANDA: Ich kann dir sagen, was es bedeutet: Früher
hatte ich auch mal ein Gewissen, aber damit habe ich nie die
coolen Sachen oder die gut aussehenden Männer abbekommen! Wäre
ich dabei geblieben, dann hätte ich nie einen abgekriegt. (Lacht)
Oder ich hätte beim Sex immer die Augen zumachen müssen!
SAMANTHA: Was redest du da? Du kannst doch mit
jemandem schlafen und ein Gewissen haben! Also, neulich abends
begegnete ich dem bestaussehenden Obdachlosen, den ich je im Leben
gesichtet habe, und als er mich nach Kleingeld fragte, sagte ich:
"Süßer, und was tust du für mich?" Nun, ich muss sagen, es
war eine äußerst anregende Nacht… und es hat mich nur ein
bisschen Klimpergeld gekostet!
SCHNITT:
3. INNEN. CARRIES APARTMENT. NACHT
(N1)
Carrie liegt auf ihrem Bett, der Laptop ist geöffnet.
CARRIE (O.-S.): Aufgewühlt, wie ich von den
Ereignissen des Tages war, blieb ich an dem Abend zu Hause. Was
bedeutet denn Gewissen? Ist das etwas, das man einfach "hat"?
Wie steht es mit meiner Entscheidungsfreiheit? Offensichtlich
haben meine drei Freundinnen immer noch eine Wahl bei der
Angelegenheit! Je nach Stimmung und den Umständen ziehen sie ihr
Gewissen manchmal an und aus wie ihre Seidenstrümpfe. Mir war
klar, dass das, was ich erlebt hatte, ein Gefühl von
Verpflichtung war, und dass dieses Gefühl irgendwie mein Leben für
immer verändern könnte. Ich konnte nicht umhin, mich zu
fragen…
NAHAUFNAHME auf den Computerbildschirm: die Worte
erscheinen, während sie spricht.
CARRIE
(O.-S.) (FORTS.):
Ist ein Gewissen zu haben das neue Mode-Accessoire? Und wenn ja,
wie viel kostet es?
SCHNITT:
4. INNEN. SCHUHGESCHÄFT IN N.Y. TAG (T2)
CARRIE (O.-S.): Als ich am nächsten Morgen
aufwachte, plagte mich mein Gewissen. Es war an der Zeit, die
Frage zu beantworten: Ist das ein Modediktat, dem man folgen muss?
Ich beschloss, mich mit Charlotte zu treffen und sie um Rat zu
fragen.
CHARLOTTE: Ich verstehe deine Sorge, dass du
jetzt ein Mensch mit Gewissensskrupeln werden könntest, Carrie.
Aber mach dir nicht zu viele Gedanken, wenn es zu schwierig wird,
nimm dir einfach eine Auszeit und lass dich mal so richtig gehen.
Bei mir funktioniert das wunderbar!
CARRIE: Hmmmm..., die Sache ist nur die, dass es
sich so seltsam, ähm… ich weiß nicht… so verkehrt anfühlt,
sich gehen zu lassen.
CHARLOTTE: Lektion 1, Carrie. Mitgefühl ist
einfach nur ein weiterer Teil von uns selbst, der verwirklicht
werden muss. Aber niemand kann hundertprozentig mitfühlend sein.
Frag dich doch selbst: Was würde dann mit dem Teil geschehen, der
sich um unser Glück sorgt?
CARRIE:
Aber
du kümmerst dich doch um die Obdachlosen, um ihnen zu helfen,
nicht wahr?
CHARLOTTE: Ich glaube, das ist nicht der Punkt.
(flüstert) Übrigens, die Frauen in meinem Wohltätigkeitsverein
sind so eine tolle Quelle für Männer, die nicht gebunden sind…
CARRIE (O.-S.): Ich überlegte mal einen Moment,
was Charlotte da gesagt hatte: War die Park-Avenue-Frauengruppe
zur Besserstellung Obdachloser für die Mitglieder insgeheim eine
Art Dating-Agentur?
CARRIE: Du gehst also in diesen Wohltätigkeitsverein,
indirekt um Männer kennen zu lernen?!
CHARLOTTE: (aufgebracht) Carrie, sei mal nicht so
ernst.
Entspann dich! Lektion 2. Wichtig ist das Endergebnis – wenn du dich bei etwas gut fühlst, dann ist es das Richtige.
SCHNITT:
5. TRENDIGE BAR. NACHT (N2)
CARRIE (O.-S.): Wieso ist mir das nie
aufgefallen? Charlotte hat sich regelrecht wie eine Betrügerin
benommen. An diesem Abend wandte ich mich an Miranda.
MIRANDA: Willkommen in der Realität, Carrie. Das
Gewissen ist ein Hirngespinst – und dazu eins, dass du nicht so
leicht wieder loswirst! (lacht) Es beweist einfach, wie überaus
scheinheilig die ganze Frage nach der Moral ist. Ich meine, also
das, worum sich die ganzen Wohltäter eigentlich kümmern, ist
doch nur ihr eigenes Image!
CARRIE: Aber was mache ich? Ist ja gut und schön
für Charlotte, wenn sie in einer Suppenküche auf Gold fürs Bett
stößt – aber ich will mein Leben nicht als Heuchlerin
verbringen!
MIRANDA: Was du tun musst ist, dieses Ding sofort
zu vernichten. Man nennt es Logik. In New York City fehlt es
einfach an der Zeit und Verbindlichkeit, die man braucht, um ein
Gewissen zu haben. Und Carrie, diese Stilettos kannst du weder im
Kloster noch im verdammten Himalaja tragen.
CARRIE: Jeeesus!
MIRANDA: Ach komm, hör auf! Jesus hat sich
wahrscheinlich auch um sein Image Sorgen gemacht – und der trug
Sandalen.
SCHNITT:
6. INNEN. CARRIES APARTMENT. NACHT
(N3)
Carrie sitzt auf dem Boden, umgeben von Bergen von Kleidern und
Schuhen. Sieht verwirrt aus.
CARRIE (O.-S.): Jetzt plagt mich mein Gewissen
schon drei Tage, und meine schlimmsten Befürchtungen sind wahr
geworden. Das sexuell übertragene Gewissen, das SÜG, hat sich
sogar im innersten Heiligtum meines Kleiderschranks breit gemacht!
Was trägt ein "guter" Mensch? Ich sah auf die leblosen Hüllen
meiner Cocktailkleider und Miniröcke vor mir. . .
Es klingelt an der Tür. Carrie steht auf und öffnet.
CARRIE: Samantha! Gott sei Dank. Ich weiß schon
nicht mal mehr, was ich anziehen soll!
SAMANTHA:
Ach
was, Carrie. Du
kannst nicht weiter in dieser Hölle der Unentschiedenheit
verharren: keine Klamotten, kein Sex, kein Spaß! Du mutierst zu
einer oberlehrerhaften Langweilerin, und dein Liebesleben geht den
Bach runter!
Carrie fängt an zu weinen.
SAMANTHA: Wenn du glücklich sein willst, dann
musst du begreifen, dass Sex dein einziger Weg zur Erlösung ist.
In deinem Fall kann ich allerdings nur eine Art von Sex empfehlen:
Sex als karitativen Akt.
CARRIE: (Augen weiten sich) Was soll das heißen?
SAMANTHA: SKA ist der einzige Weg, dein Gewissen
zu beruhigen und dadurch dein SÜG zu heilen. Wenn es deine
Motivation ist, Sex zu geben, wirst du Ersteres befriedigen, aber
Letzteres wird ganz nebenbei auch erfüllt werden. Du musst im
Grunde anfangen, indem du gibst, Schatz.
CARRIE: Meinst du, das klappt wirklich?
SAMANTHA: Glaubst du, du seiest die erste, die
von einem SÜG geplagt wird? Liebes, ich wurde schon von
Sozialarbeitern flachgelegt, als dein einziges Modeaccessoire noch
eine Zahnspange war.
CARRIE (O.-S.): In der Nacht hat mir Samantha
eine Lektion erteilt, die ich nicht mehr vergessen werde. Sie
schlug mir vor, ich solle dem Kriegsveteranen-Hospital einen
Besuch abstatten, aber ich musste gar nicht so weit gehen, um
einen Bedürftigen zu finden. Als ich von der Selbsthilfegruppe für
Erektionsgestörte in der 83. Straße Ost nach Hause ging, war
mein Gewissen so rein wie nie zuvor…
SCHNITT:
7. AUSSEN. NEW YORK CITY. STRASSE.
TAG (T4)
Carrie geht im Sonnenschein eine Straße hinunter.
CARRIE (O.-S.): Als ich am nächsten Morgen
aufwachte, sah das Leben ganz anders aus. So ein Gewissen ist
wirklich ein echtes Schnäppchen – es kostet nichts! Als ich an
meine drei Freundinnen und ihre Perlen der Weisheit zurückdachte,
erkannte ich die wahre Natur des moralischen Instinktes im
Menschen. Wie ein Schuh, so scheint die Moral individuell maßgeschneidert
zu sein für den perfekten Sitz, damit wir die Weiten unserer
menschlichen Erfahrung bequem und mit Stil durchwandern können.
Seit ich mich meinem Gewissen verschrieb, habe ich durch Charlotte
die zehenfreie Pantolette des Narzissmus entdeckt, den praktischen
Pumps der Logik durch Miranda, und den befreienden Stiletto des
Mitgefühls verdanke ich Samantha. Am Ende wusste ich
zweifelsfrei, dass es egal ist, was jeder einzelne von uns tut,
solange wir alle in unseren Schuhen gut dabei aussehen.
ABBLENDE mit Carrie, wie sie weiter die Straße
hinuntergeht.
ABSPANN
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