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Peter
Felixberger
Politiker,
Wissenschaftler und Journalisten verschleiern ihre
Ahnungslosigkeit vor der Zukunft. Sie tappen im Dunkeln. Ihre
Strategie: jede Menge Ablenkungsmanöver. Immer die gleichen
Fragen, immer die gleichen Antworten. Die Folge: In den
Schlagadern der Macht pulsiert nur mehr zähes Monopolwissen. Das
Volk sieht weg. Die neue changeX-Serie hat sich deshalb hinter den
Herrschaftszäunen umgesehen. Und stellt Fragen, die auf
Zwangslagen
verweisen, aus denen immer mehr Menschen keinen Ausweg mehr
wissen.
Warum
macht Arbeiten dumm?
Ein chinesisches Sprichwort sagt, dass ein Fisch
niemals weiß, wann er pinkelt. Das wiederum ist eins zu eins auf
Intellektuelle übertragbar. Der Intellektuelle ist davon überzeugt,
intelligent zu sein, weil er sich seines Kopfes bedient. Der
Maurer bedient sich seiner Hände, aber auch er hat einen Kopf,
der ihm sagen kann: "Hey, diese Mauer ist nicht gerade, und
außerdem hast du vergessen, Mörtel zwischen die Steine zu
geben." Nun geht es hin und her zwischen Arbeit und Verstand.
Die Eine braucht den Anderen und umgekehrt. Stellt sich nur die
Frage, ob die Arbeit überhaupt den Verstand braucht - oder der
Verstand die Arbeit. Merkt man eigentlich, wenn man arbeitet? Oder
macht Arbeiten bloß dumm?
Zweifellos eine Kardinalfrage in der Post-Postmoderne, die global
sehr unterschiedlich beantwortet wird. Ein Japaner beispielsweise
behält mit Eintritt in seine Firma zwar noch den Verstand, aber
seine Arbeitskraft opfert er lebenslänglich Toyota oder Kawasaki.
Ein Südsee-Aussteiger behält Verstand und Arbeitskraft bei sich.
Er lebt in einem ausrangierten Bus an einer einsamen Bucht abseits
jeder Zivilisation. Jeden Morgen steht er, wenn er Lust hat,
zeitig auf und schnitzt Sitzbänke, die er via Internet weltweit
verkauft. Er kennt überhaupt nicht das Gefühl, zu arbeiten.
Womit wir mitten in der Petersilie stehen: Die einen arbeiten wie
verrückt, die anderen voller Lust. Und wieder andere verrückt
und voller Lust. Wer nun hat den besseren Job? Der Japaner als Spätcalvinist
oder der Südsee-Aussteiger als Späthippie?
In Deutschland gehen die Uhren noch ein Stück anders. Über
Pflicht oder Kür denken die wenigsten hier nach, die meisten
Menschen sind schlichtweg mit ihrem Job unglücklich. Der Grund:
Sie tun nicht das, was sie wollen. Und sie tun das, was sie nicht
wollen, viel zu lange. Meist ein Leben lang. Ungeachtet ihrer
Talente und Fähigkeiten. Diese verkümmern stetig im Riesenrad
des falschen Lebens. In Autoverkäufern verdörren
Schriftstellertalente, in Steuerberatern sprießen Lokomotivführerträume,
vergebens. Ihr gemeinsames Wehklagen gipfelt in der Erkenntnis: Können
hätten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nie getraut.
Was wiederum historisch erläutert werden muss: Denn die
Menschheitsgeschichte kann als eine Geschichte fortlaufender Mühsal
und Verirrung interpretiert werden. Zumindest, was Arbeit und
Verstand betrifft. Die frühen Jäger und Sammler waren nämlich
etwas dümmer als die späteren Bauern und Hirtennomaden, mussten
aber im Vergleich viel weniger arbeiten, um ihre Existenz zu
sichern. Erst mit dem eintretenden Bevölkerungswachstum nach Ende
der letzten Eiszeit nahm die Plackerei zu. Denn die Wildbeuter
nutzten blöderweise ihren Verstand. Sie begannen, Nutzpflanzen
anzubauen und Tiere zu züchten. Schöner Mist! Denn obwohl sie
mehr Verstand besaßen, mussten sie plötzlich mehr arbeiten. Das
Leben wurde dadurch erheblich unkomfortabler und mühsamer. Es
kam, wie es kommen musste. Bereits die ersten Bauernschädel
lernten das Gefühl kennen, wie es ist, das Leben zu hassen. Und
es kam noch schlimmer. Obwohl die Zivilisation fürderhin außerordentliche
Fortschritte vollbrachte und die Arbeit zunahm, sank die
Lebensqualität auf breiter Front.
Urbi
et orbi. Mit dem
Kummer darüber begann das weltanschauliche Nachdenken über die
Fron im Diesseits. Schon bald versuchten Jenseitslehren und
Weltflucht, den konkreten Weltenjammer zu kompensieren. Religionen
und Mythen beseitigten den Erklärungsnotstand, warum mehr
Verstand gleichzeitig mehr Arbeit bedeutete, und pusteten überirdischen
Sinn ins moralisch-ethische Vakuum. Aus der Welt, wie sie war,
wurde nun die Welt, wie sie sein sollte. Aus dem Befund schälte
sich die Annahme, aus der Krankheit das Rezept.
Nur Verstand und Arbeit überdauerten Hand in Hand alle dunklen
Zeiten. Für ihre Ausdauer wurden sie schließlich mit dem
Kapitalismus belohnt. Was bekanntermaßen auch seinen Preis hatte:
Denn die Arbeit hatte sich zuvor des Verstandes bemächtigt und
gleichzeitig das Leben miterobert. Die Frage der Lebens- und
Arbeitsqualität wurde zweitrangig. Die früheren Jäger und
Sammler drehten sich ein letztes Mal in ihren Hügeln im Grab um.
Es war die Geburtsstunde des vieldeutigen Werbezitats: "Ich
bin drin." Im richtigen Arbeitsleben. Ihren Verstand geben
Sie bitte an der Garderobe ab!
Vorteil: Die Arbeit stiftete fortan ein Auskommen, damit keiner
umkommt. Nachteil: Die Arbeit bedeutete fortan Frondienst, und das
schon bald als lebenslange Schufterei im Dienste einer einzigen
Firma (ein Vorläufer der japanischen Variante). Im dunklen
Bergwerk hämmerte der Steiger, bis der Rücken krumm war. Über
Tage zogen kapitalistische Unternehmer daraus unechte Kohle, will
sagen Profit. Der Rücken der Kapitalisten krümmte sich zwar
auch, meist aber nur infolge des wachsenden Bauches.
Diese Dichotomie zwischen ehrlicher Arbeit mit den Händen und
profitabler Arbeit mit dem Kopf durchzog den Kapitalismus einige
Jahrhunderte bis zum Ende des Industriezeitalters. Während dieser
Zeit wurde der Verstand immer aufmüpfiger, während die Arbeit im
Zenit stand. Dann kam es zur fundamentalen Beziehungskrise. Der
Verstand warf der Arbeit Entfremdung von der eigentlichen
Bestimmung des Menschen vor, als Freie, Gleiche und Brüder
miteinander im Einvernehmen zu leben, neudeutsch: zu kooperieren,
netzzuwerken und sich gegenseitig zu helfen. So kam es, wie es
kommen musste. Rosenkrieg allüberall. Vor lauter Entfremdung
wollte irgendwann kein Mensch mehr gerne arbeiten. Geopolitisch
entwickelten sich darauf ganz unterschiedliche Responsestrategien.
Im Osten wurde der sozialistische Arbeiterstaat aus der Taufe
gehoben. Im Westen begann der Sozialstaat, die Folgen des
Kapitalismus zu mindern. Was aber hüben wie drüben eine Menge
Geld verschlang.
Überdies riefen Ende des 20. Jahrhunderts die Großmäkler das
Ende der Arbeit aus. Der Verstand produzierte aus Trotz eine
verheerende Arbeitslosigkeit. Die Kapitalisten hatten aus der
Geschichte gelernt. Sie rationalisierten die Arbeitsplätze weg.
Die Arbeiter hingegen sehnten sich einfach nur ins Paradies zurück,
wollten weniger arbeiten, nicht mehr so viel nachdenken und sich
mehr leisten. Der Lockruf des Wohlstands als Wohlergehen ohne
Arbeit hallte durch alle Gassen.
Und wo stehen wir heute? Wenig arbeiten, viel Geld verdienen, im
Luxus baden. Blödsinn. Bob Dylan, ein unverdächtiger
Zeitgenosse, deutet einen Ausweg aus dem Dilemma an: "Ein
Mensch hat Erfolg, wenn er morgens aufsteht und abends zu Bett
geht und in der Zwischenzeit genau das tut, was er tun will."
Menschen können und sollen sich also frei entfalten dürfen. Wer
sagt, dass sie dafür viel arbeiten müssen.
Fragt sich, warum Menschen in der täglichen Arbeit ihre echten
Talente und Fähigkeiten unterdrücken müssen? Fragt sich, warum
uns der Verstand oft nur in sinnentleerte Arbeiten hineintreibt?
Fragt sich, warum wir Leben und Arbeiten immer noch verzweifelt
voneinander trennen, anstatt die Lust zu fördern, sie ineinander
fließen zu lassen? Fragt sich, warum wir die Talente von
Millionen brachliegen lassen und nicht mehr abfragen? Fragt sich,
warum wir in puncto Selbstständigkeit an letzter Stelle in Europa
stehen? Fragt sich, warum wir nicht den Aufbruch selbstbestimmter
Menschen wagen? Fragt sich, warum die Wirtschaft immerfort wachsen
und die Menschen dabei schrumpfen sollen? Fragt sich also, ob wir
immer mehr arbeiten sollen und damit nur vom eigentlichen Leben
ablenken? Fragt sich, wann wir uns endlich trauen werden? Fragt
sich, warum wir nicht tun können, was wir wollen? Fragt sich, ob
wir dafür einen Verstand brauchen, der uns davon abhält?
Arbeiten
macht dann nicht dumm, wenn es die Bedürfnisse jedes Einzelnen in
den Mittelpunkt rückt. Nur der entfesselte Mensch kennt den Weg
aus der Dummheit.
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