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Ringelpiez mit Anfassen

 

Sofern wir heiß und innig in beliebigen Jemand verliebt sind, und uns nichts sehnlicher wünschen, als dass dieser Jemand ebenso heiß und innig in uns verliebt ist, ist definitiv der beste Weg, um dieses Ziel zeitnah und zuverlässig zu erreichen: Schleunigst nicht mehr heiß und innig verliebt zu sein. Am besten: überhaupt nicht mehr verliebt zu sein. Und am allerzuverlässigsten: Besagtem Jemand jetzt & sofort unser aufrichtiges Desinteresse entgegenzubringen. Klappt eigentlich immer. Naja, fast immer. Zumindest stellt dies zweifellos die aussichtsreichste Variante dar.

 

Wie sagte da einmal jemand? 'Einer liebt immer mehr als der andere.' Für weitaus realistischer halte ich noch die Einsicht, dass da einer überhaupt nicht liebt, wenn der andere zu früh, zu abrupt, zu ausufernd oder zu offensichtlich liebt. Nach einer mittel- bis langfristigen Aufwärmphase sieht dies unter Umständen anders aus und es ist uns erlaubt, mehr oder minder ausgewogen zu lieben, aber in unserer ersten Annäherung können wir auf uns auf die genannte Doktrin erfahrungsgemäß verlassen. Daraus aber ergibt sich: Willst Du vergöttert werden, halte Dich zurück – willst Du verteufelt werden, gehe in die Vollen. Klappt fast immer. Was rede ich: Klappt immer.

 

Irgendwie eine absurde Geschichte, dieses Prinzip – aber es lässt uns selten im Stich. Denn siehe: Sind wir gar allzu sehr in einen anderen verliebt, können wir sicher sein, dass er vieles, einiges, manches - aber ganz bestimmt nicht eines tut: sich in uns verlieben. Umgekehrt brauchen wir einem anderen nur unser ungekünsteltes, aufrichtiges Desinteresse zu bekunden, und er wird in 60 Prozent der Fälle eines tun: sich in uns verlieben. Wenn wir es außerdem verstehen, unser Desinteresse ganz und gar mühelos aussehen zu lassen - was fraglos am besten gelingt, wenn wir zu keinem Zeitpunkt anderes als aufrichtig desinteressiert waren – steigt genannter Prozentsatz schon auf über 70 Prozent. Ist der andere aber gar allzu sehr in uns verliebt, kann er sicher sein, dass wir vieles, einiges, manches – aber ganz bestimmt nicht eines tun: uns in ihn verlieben.

 

Ich meine, was ist das für ein Schmalspur-Prinzip? Und was will uns dieses Konzept eigentlich sagen? Verliebe Dich nie, um sicherzustellen, dass Du verehrt wirst? Verliebe Dich erst, wenn Du ohne Zweifel weißt, dass Dir der andere hoffnungslos verfallen ist? Oder aber: Liebe ist gut, Desinteresse ist besser?

 

Keine Ahnung. Fragen über Fragen. Hiervon unberührt bleiben meine eingehenden Feldstudien, die ich nun bereits seit etlichen Jahren betreiben darf, und die mir zumindest nahe legen, gekonntes Desinteresse für die geeigneteste Variante zu halten, ein Gegenüber trunken vor Liebe zu machen. Klappt nur nicht immer. Das mit dem Desinteresse. Der Rest schon. 

 

Denn siehe: Manchmal werde ich selbst noch trunken. Warum? Frag Gott. Wann? Vielleicht vor allem dann, wenn jemand aufrichtig desinteressiert an mir ist...? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sollte ich anmerken, dass ich nach wie vor Single bin.

 

Nun gut, ich denke ein klein wenig differenzierter will diese Sache schon betrachtet werden. Immerhin beschäftige ich mich ja lange genug damit. Bedeutet: Es ist durchaus legitim, zumindest ein bisschen verliebt zu sein – und zwar ohne uns hiermit kurzum alle Chancen auf ein kunstgerechtes Liebesglück komplett zu versieben. Aber wie gesagt: Bitte nur ein bisschen. Schön die Kontrolle und einen kühlen Kopf  bewahren. Andernfalls werden wir nämlich unwiderruflich zum Opfer benannt vermaledeiten Prinzips. Heißt: Verlieren wir den Kopf, werden trunken oder verlieben uns mehr als ein bisschen, können wir uns gewünschte Gegenliebe in diesem Moment auch schon wieder abschminken. Unmittelbar und auf absehbare Zeit. Weshalb wir eigentlich sofort wieder aufhören können. Aufhören, den Kopf zu verlieren, trunken zu werden oder mehr als ein bisschen verliebt zu sein. Bringt uns nichts ein. Nur Katzenjammer.

 

Ich fasse bis hierher zusammen: Aufrichtiges und ungekünsteltes Desinteresse ist die sicherste Methode, um uns der Liebe eines Gegenübers sicher zu sein. Gleich danach kommt das kalkulierte Desinteresse. Klappt auch noch meistens. Neutralität ist neutral, ein bisschen verliebt sein ist okay. Ein bisschen mehr als ein bisschen verliebt sein ist Tabu - und alles darüber hinaus ist das selbstinszenierte Todesurteil.

 

Überhaupt eine interessante Frage: Ist die beste Medizin gegen den lästigen Verehrer unsere trunkene Liebe? Wird er die Flucht ergreifen, sobald wir ihm überzeugend beibringen, dass wir ihm hoffnungslos verfallen sind? Egal.

 

Kasus Knaxus und wesentliche Fragestellung bleibt: Wozu das alles?

 

Zum Beispiel neulich: Verliebe ich mich doch unsterblich – und? Reines Desinteresse. Oder gestern: Bin ich doch vollends desinteressiert – und? Verliebt sich einer unsterblich. Ich habe ihm gesagt, dass ich vollends desinteressiert bin. Morgen wird er es wahrscheinlich auch wieder sein. Und ich verliebe mich unsterblich. In ihn natürlich.

 

Was hat sich die Schöpfung hier nur ausgedacht? Ist einer immer klüger als der andere? Oder dümmer? Und wenn ja – wer ist klüger, wer ist dümmer? Oder gibt es unter Umständen Fundamentales zu begreifen? Fundamentale Erkenntnis, die uns punktum aus den Fängen unglückseligen Prinzips befreit?

 

Ich bin mir nicht sicher. Aber glücklich würde ich schon mal gerne bald werden. Und zwar nicht nur mit dem, den ich nicht liebe. Weil es der einzige ist, der mich liebt. Und auch nicht unglücklich mit dem, den ich liebe. Der mich aber nicht liebt.

 

Wenn wir davon ausgehen - ich möchte meinem Verständniswillen zugunsten an dieser Stelle metaphysische Anleihen machen - wenn wir wie gesagt davon ausgehen, dass hiesige, menschliche Paarungen, sowie irdischer, dramaturgisch inszenierter Beziehungsreigen ein Spiel zwecks Selbsterkenntnis und Einsicht sind [liebe Dich selbst, erkenne Dich selbst  - Du bist unabhängig, in Dir vollständig und göttlich], dann wäre unter Umständen eine Erklärung dieses Prinzips, dass zwar Liebe, Verlieben und Lieben kaum verkehrt sind – dass es aber grundsätzlich immer verkehrt ist, uns selbst dabei zu vergessen.

 

Untermauert dadurch, dass ein bisschen Verliebtsein ja durchaus durchgeht. Schwierig wird es wie besagt erst dann, wenn ich ein bisschen mehr als ein bisschen verliebt bin. Wenn ich mit Tür und Fenster zugleich ins Haus falle, und nicht mehr weiß, wer ich bin, noch, wie ich heiße. Geschweige denn, wie mich am günstigsten verhalte. Aber bereit bin, alles und jedes zu tun – sofern es nur Gefallen findet.

 

Dies also die Fälle, in denen mir ein Misserfolg bisher so sicher war wie das Amen in der Kirche. Ich hätte mir nur manche Mal gewünscht, doch schlicht und einfach zurückgeliebt zu werden. Dann hätte ich auch aufgehört, mich zu vergessen. Spätestens nach 14 Tagen. Hält ja niemand länger aus. So ganz ohne sich. 

 

Dennoch bin ich nicht der Überzeugung, dass diese Erklärung das Gesamt benannten kuriosen Prinzips abdeckt. Weiterhin zum Tragen kommen hier meiner Meinung nach äußerst menschliche, und somit weniger heilige Momente.

 

Denn irgendwie scheint niemand von uns so richtig zu wollen, was er umsonst angeboten, mehrmals täglich angepriesen oder in Überdosen und zum Paketpreis offeriert bekommt. Anders ausgedrückt: Liebe und mangelnde Jagd scheinen sich nicht bis ins letzte zu vertragen. Wir wollen erobern, gewinnen und Entfernung überbrücken. Entgegengesetzt: Niemand von uns möchte eingenommen oder übermannt werden – schmeckt zu sehr nach verlorener Schlacht, geschenktem Sieg. Und Angst kriegen wir außerdem. Vielleicht auch das: Nur, wenn ich viel und teuer zahle, begreife ich einen Wert auch als viel und teuer. Was mich hingegen nichts kostet, ist mir nichts wert. Oder aber dieses: Nähe und Distanz, die wechselseitigen Bedingungssätze. Meint: Konfrontiere mich mit Distanz und ich werde um Nähe betteln. Was natürlich auch umgekehrt funktioniert: Begegne mir in Nähe und ich gehe stiften.

 

Gottes Kinder – beziehungsunfähige Wesen? Jagd- und kampfgewohnte Raubtiere? Oder einfach nur Deppen, die das Glück nicht begreifen?

 

Mir auch egal. Ich halte mich hübsch und feinsäuberlich an aufopferungsvoll studiertes Prinzip: Immer schön locker bleiben. Im Zweifelsfall das Merkblatt zur Anbahnung einer wechselseitig erfüllten Liebe zur Hand nehmen und folgende Punkte in Endlosschleife rezitieren:

 

  1. aufrichtiges und ungekünsteltes Desinteresse empfinden - die sicherste Methode, um Liebe zu erfahren, 

  2. kalkuliertes Desinteresse ist durchaus eine Möglichkeit – sei Dir aber sicher, dass Du hierin bestens versiert und fachmännisch geübt bist,

  3.  Neutralität ist neutral,

  4. ein bisschen verliebt sein ist okay – stelle jedoch sicher, dass Du imstande bist, hierüber vorerst keinesfalls und unter gar keinen Umständen hinauszugehen,

  5. ein bisschen mehr als ein bisschen verliebt sein ist nicht okay, sondern: absolut und definitives Tabu und:

  6. alle Steigerungsformen kannst Du vergessen – es sei denn, Du legst es auf aufrichtiges, ungekünsteltes Desinteresse an – oder gibst Dir gleich die Kugel.    

 

Ich werde eigentlich immer besser. Bin kaum noch verliebt, gelegentlich neutral, häufig bis häufiger desinteressiert. Und verstehe mich auch ansonsten als strenggenommen äußerst begriffen.

 

Nur Shit auch, heute habe ich mich mal wieder verliebt. Und zwar nicht nur ein bisschen. Sondern mehr als genug. Vielleicht versuche ich es einfach mal hiermit: Einfach nichts anmerken lassen. Absolut unbestimmt und vage tun. Keine Verbindlichkeiten äußern. Tarnkappe tragen.

 

Ich gebe Euch dann die Tage Bescheid. Ich will nichts beschwören – aber vielleicht bin ich ja übermorgen schon verheiratet...