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Kennste, haste, weisste...

 

Es gibt diesen Typus Mensch, den ich gerne als den "Kennste-Haste-Weißte"-Mensch bezeichne. Eine kuriose Spezies, deren Motivation mir bis heute nicht transparent geworden ist. Und doch: Die Begegnung mit diesem Typus verspricht Spaß. Vorrangig für ihn

 

Und nicht zuletzt wird sich das Ego freuen. Nämlich seines

 

Unseres hingegen weniger. Unser eigenes Ego wird es vorziehen, sich für den Rest des Disputs größtmöglich zurückhaltend zu präsentieren. Und sich bestenfalls seinen Teil denken. Solange, bis wir versprechen, ihm künftig zur Seite zu stellen, was wir bisher versäumten: Wissen. Ahnung. Kenntnis. Das einzig geeignete Rüstzeug für die Begegnung mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch.    

 

Wissen ist Macht? Oder: Hat da vielleicht doch jemand was nicht ganz richtig verstanden...?

 

Merke: Viele Menschen definieren sich über ihr Wissen. 

So auch der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

 

Manche Menschen gehen noch einen Schritt weiter und definieren nicht nur sich selbst, sondern auch jegliches Gegenüber über ihr Wissen. 

Vergleiche: Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

 

Und nicht zuletzt gibt es Menschen, denen persönliches Wissen zum Maßstab für alles und jedes geworden ist. 

Darf ich vorstellen: Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch.

 

Der Kennste-Haste-Weißte-Mensch charakterisiert sich somit in erster Linie dadurch, dass die Fragen "Kennste?" – "Haste?" – "Weißte?" die am häufigsten gebrauchten Vokabeln seines Wortschatzes sind. Demzufolge wird er jedes Gespräch großzügig mit ihnen anzureichern wissen. 

 

Doch Achtung: Er verlangt Antwort. Keinesfalls haben wir es hier mit rein rhetorischen Fragen zu tun. Der Austausch mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch sollte daher niemals unterschätzt werden. Tatsächlich befinden wir uns auf dem gnadenlosen Prüfstand.

 

Das Abfragen von Wissen, Ahnung und Kenntnis bedeutet dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch ein unverzichtbares Werkzeug in einer Welt, die von Unwissen, Unbelesenheit und/oder Uncoolness regiert wird.

 

Vielleicht seine größte Angst: unwissend, unbelesen und/oder uncool zu sein.

 

Hingegen sein größtes Plus: wissend, belesen und (nicht: oder!) cool zu sein.

 

Gleiche Persönlichkeitsmerkmale verlangt er jedem ab, den er als annähernd gleichberechtigt oder immerhin würdig anerkennen kann. Mit anderen gibt er sich aber nur ungern ab.

 

Goldene Faustregel: Ich bin nicht, was ich bin – ich bin, was ich weiß.

 

Und in gar keinem Fall bin ich, was ich verstehe – nein, ich bin, was ich weiß. Und Du übrigens auch.

 

Ein Dialog mit dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch gestaltet sich demnach in etwa so (es spricht zuerst der Kennste-Haste-Weißte):

 

"Grüße Dich, ich bin der Keanu. Du fragst Dich jetzt bestimmt, woher der Name kommt. Kennste?"

– Schon mal gehört.  

 

"Ist ja ein ganz bekannter Name. Meine Eltern haben mich damals auf Hawaii gezeugt, und Keanu bedeutet auf hawaiianisch 'die kühle Brise über den Bergen'. Kennste Hawaii?"

– Hmm, war aber noch nicht da.  

 

"Hawaii muss man einfach kennen. Ein berühmter Schauspieler heißt ja auch Keanu. Kennste?"

- Ja.  

 

"Seinen letzten Film fand ich klasse. Haste gesehen?"

- Glaub schon.  

 

"Und, wie fandest Du die Szene mit dem Lastwagen? Weißte welche?"

- Kann mich jetzt nicht genau erinnern.  

 

"Aber der Joke mit der Tomate war doch spitze. Haste mitgekriegt?"

- Hmm, weiß nicht.  

 

"Es gibt ja auch das Buch zum Film. Mega beeindruckend. Haste gelesen?"

- Nee.  

 

"Aber lesen tust Du doch, oder? Kennste Sakrileg von Dan Brown? Haste Illuminati? Weißte wer Dan Brown ist?"

- Hmm.  

 

"Und, wie fandste?"

- Gut.  

 

"Weißte, dass die Frau von Dan Brown Kunsthistorikerin ist?"

- Nee.  

 

"Wie bitte?"

- Nein!  

 

"Aber, was Kunsthistorik ist, weißte, oder?"

- Ja.  

 

"Total interessant. Haste Dich damit schon mal beschäftigt?"

- Bisschen.  

 

"Hier, Dings, kennste Raffaelo Santi? Diesen italienischen Maler der Hochrenaissance?"

- Nee.  

 

"Ganz bekannt. Hat Madonnen und Fresken gemalt. Was Madonnen sind, weißte aber schon?"

- Ja.  

 

"Da fällt mir ein: Madonna – haste das neue Video gesehen?"

- Hmm.  

 

"Und, den Typen, der im Background tanzt, kennste?"

 

[...]

 

 

Für die nächsten Stunden werden wir einander nicht kennen lernen, sondern unser Wissen abgleichen. Von Resultat und Ergebnis hängt zudem ab, ob überhaupt Basis besteht, uns unter Umständen näher kennen zu lernen.

 

Was natürlich nicht wir entscheiden. Dies entscheidet der Kennste-Haste-Weißte-Mensch. Besser gesagt: Er wird uns jedwede Beurteilung dieser Sache zuvorkommend abnehmen. Was nur angemessen scheint, denn: Er kennt, er hat und er weiß. Was auch immer.

 

Eine Frage konnte ich mir hierbei bis heute nicht beantworten: Hat der Kennste-Haste-Weißte-Mensch nun ein übersehr ausgeprägtes Ego oder hat sein Ego gar Komplexe? Ich bin mir nicht sicher. Eine Herausforderung bleibt die Begegnung mit ihm allemal. Nicht zuletzt für mein Ego, siehe oben.

 

Gleichzeitig ist die Bedürfnisbefriedigung des Typs "Kennste-Haste-Weißte" eine sensible und diffizile Angelegenheit. Nicht nur, dass wir wissen sollten – und zwar nicht das, was wir wissen, sondern das, was er weiß (bitte nicht zu verwechseln!!) – wir sollten auf keinen Fall zuviel davon wissen.

 

Auch, wenn wir ganz bestimmt nicht der richtige Gesprächspartner für ihn sind, wenn wir rein gar nichts wissen - wissen wir zuviel (bitte unbedingt zu beachten!!), sind wir noch viel weniger sein Freund. 

 

In diesem Fall wird seine abschließende Bewertung ergeben: Wir sind arrogant. Folglich werden wir ihn nie wiedersehen.

 

Die so trügerisch unschuldig anmutenden und unermüdlich wiederkehrenden Worte "Kennste?" – "Haste?" – "Weißte?" entscheiden demnach über unser gesamtes Sein und Werden. Wenn wir in diesen wesentlichen Momenten versagen, werden wir auf ganzer Linie scheitern.

 

Nicht zuletzt macht es sich immer gut, gelegentlich ungefragt die Gesprächsleitung zu übernehmen. Souverän, bescheiden, devot. Nicht zu dünn auftragen, nicht zu dick. Dem Kennste-Haste-Weißte nie die Oberhand streitig machen. Uns aber gleichzeitig als unbedingt ebenbürtig und außerordentlich verständig erweisen. 

 

Schwierig. Jedoch lohnend. Beachte: Wir können einen Kennste-Haste-Weißte zum Freund gewinnen.

 

Ich persönlich gehe dem Kennste-Haste-Weißte-Mensch mittlerweile aus dem Weg. Ich mache in seiner Begegnung einfach alles verkehrt. Nicht nur, dass ich nichts kenne, nichts habe und nichts weiß – sicher nicht ganz unbeeinflusst von dem Umstand, dass ich mir schlichtweg nichts merke (!) - darüber hinaus habe ich meine eigenen Ansichten über das Kennste-Haste-Weißte-Prinzip. Ansichten, die keinem Vertreter dieser Art so recht schmecken möchten. Ich habe deshalb so oder so noch nie einen von ihnen wiedergesehen.

 

Tatsächlich bin ich nämlich der Auffassung, dass es kein besonderer Verdienst ist, sich Wissen anzueignen. Sprich: lesen zu können. Und nicht zuletzt halte ich Kennen und Verstehen, Wissen und Einsicht, noch immer für zwei getrennte Paar Schuhe.

 

Und Wissen bar jeder Einsicht und frei von Verständnis? In meinen Augen bloßer Humbug.

 

 

Aus diesem Grund bevorzuge ich heute den Typus "Ich-bin-mein-Terminkalender". Auch eine interessante Spezies. Nicht ganz so kompliziert. Wenn man weiß, wie zu handhaben. Doch zu dieser Spezies an anderer Stelle mehr.

 

Ich darf vorab vielleicht schon mal fragen: Kennste?