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Ihr
wolltet schon immer mal wissen, wie der spirituelle Mensch
seinen Tag verbringt? Here you are - willkommen im Leben des
spirituellen Bewusstseinsjüngers unserer Gegenwart! An Kopie
& Nachahmung Interessierte werden jederzeit herzlich in
spirituelle Reihen aufgenommen.
Ansonsten hoffe ich inständig,
mit diesem Essay endgültig alle Vorurteile auszuräumen, der spirituelle
Mensch sei ein wenig betriebsames Wesen, fortwährend ausgeglichen
und in sich ruhend, und verstehe nie & nimmer die Bedeutung des
Wortes "Stress".
Bitte unbedingt
zu beachten: Nein, wir sind nicht vom spirituellen Ehrgeiz
getrieben! Und: Nein, wir tun nicht alles und jedes dafür, um
schnellstmöglich von hier wegzukommen! Was mittels dringendst
angestrebter Erleuchtung unter Umständen ganz gut funktioniert..
Wir haben mit dieser Realität überhaupt kein Problem. Um
es ein für allemal klarzustellen: Wir sind einfach nur beschäftigt!!
Okay?!
jetzt
auch als Audiofile:

Ein
ganz normaler, spirituell begnadeter Tag
5:00:
Ich erwache von dem lieblichen Gezwitscher der Vögel, räkle mich
wohlig im noch nachtwarmen Bett, öffne die Augen und schaue einem
wundervollen, mich innig umarmenden Tag ins Gesicht. Ich bin
ausgeschlafen und fühle mich voller Tatendrang.
Nun
gut, ich will ehrlich sein – ganz so war es gerade heute nicht.
Tatsächlich bin ich um 5:06 aus dem Schlaf geschreckt, musste
feststellen, dass ich meinen Wecker überhört hatte - trotzdem
ich indessen zwei von ihnen besitze, einen unter jedes Ohr
gebunden, eine äußerst bewährte Methode -, und musste zusehen,
dass ich eiligst aus den Federn komme. Denn: Mein gesamter
Zeitplan gerät in Gefahr. Doch selbst die Vögel schlafen heute
noch - vielleicht haben sie Recht.
5:17:
Zwar stehen meine Lider jetzt andauernd offen und ich habe
mittlerweile 3 Tassen Getreidekaffee intus, Lebenselixier eines
jeden spirituell agilen Menschen, wahlweise auch zu ersetzen
durch: ein Glas energetisiertes Wasser, Kommt-All-Ihr-Englein-Tee,
einen Knoblauchsaft (Rohkost), einen Becher reine Luft
(Lichtnahrung) oder auch einen Wodka – es wird offenbar, die
spirituelle Küche ist äußerst abwechslungsreich -, allerdings
ist mir in der Zwischenzeit siedend heiß eingefallen, dass ich
vergessen habe, mit einem Lächeln zu erwachen.
Flugs
lege ich mich daher erneut ins Bett, simuliere den Nachtschlaf,
daraufhin das Erwachen – und lächle. Na wunderbar, auch das hat
noch geklappt – es kann also weitergehen.
5:26:
Zähneputzen, Duschen sowie sonstige Badaktivitäten müssen
ausnahmsweise entfallen (seit mittlerweile zwei Wochen komme ich
nicht mehr dazu, allein aus dem Grund, dass ich unter akuten
Aufwachstörungen leide - eine Symptomatik, deren metaphysische
Ursache mir bis hierher leider gänzlich unbekannt bleiben musste
- ich sollte hierzu gelegentlich die geistige Welt befragen). Doch
da ich tatsächlich ziemlich im Zeitverzug bin, dennoch aber
unbedingt zu meditieren habe, bin ich gezwungen, Prioritäten zu
setzen. Da es Gott jedoch weniger zu interessieren scheint, ob
ich zum Himmel stinke, sondern vielmehr (sowie im Wirklichen und
Wesentlichen zählt), dass ich weiß, dass ich zum
Himmel stinke (=Bewusstsein), werde ich wiederholt beide Augen
zudrücken. Denn: Ich weiß, dass ich stinke. Also
kann ich auch weiterstinken (=angewandte Spiritualität). Und mich
getrost aufs Meditieren verlegen. Schließlich wartet weiteres,
gleichermaßen schier ungeahntes Bewusstsein auf mich.
13:15:
Mit Mühe und Anstrengung habe ich alle Elemente der von mir täglich
absolvierten spirituellen Geistarbeit unterbekommen können. Knapp
aber dennoch. Flehende Gebete für diese Welt, Heilaffirmationen,
Licht- und Liebesvisualisierungen, Invokationen (ich hatte
vergessen, wen oder was ich anzurufen habe, aber egal, ich habe
ihn oder es dennoch gerufen) und nicht zuletzt realistisches
Aufstiegstraining in natürlich-gewohnter Umgebung – alles getätigt.
Lediglich bin ich heute nicht dazu gekommen, meine
DNS-Neukodierung entsprechend voranzutreiben, denn der hierfür
zweifelsfrei benötigte DNS-Strang (schlussendlich werde ich 12
hiervon besitzen, die mir im Verein das Gesamt meiner göttlichen
Fähigkeiten zurückgeben werden), dieser besagte DNS-Strang, der
mir seit Tagen geliefert sein sollte, findet sich in genau diesem
Moment in meinem Postfach hinterlegt. Dort liegt er zweifellos
gut, Tatsache aber ist, dass ich es schon länger nicht mehr
dorthin geschafft habe. Egal, ich werde diesen Punkt nachholen.
Gleich morgen.
Und
schließlich war es auch ohne dies wahrhaft wieder äußerst
erhellend heute. Das Meditieren meine ich - nicht die mittlerweile
hoch am Himmel stehende Sonne. Aber diese nützt mir zweifelsfrei
auch. Nun kann ich lesen. Spirituelle Schriften, will ich meinen, und
ganz ohne künstliches Licht zu benutzen. Welches fraglos jedweder
göttlich-inspirierten Energie entbehrt und daher auch kaum von
mir verwendet werden will - dies der einzige Grund, weshalb mir mein
spiritueller Alltag im Winter geringfügig schwerer fällt.
15:47:
Mein Nachbar hat geklingelt. Ob denn alles in Ordnung wäre, es
sei so ausnehmend still bei mir an diesem Tage. Selbstverständlich
ist alles in Ordnung, ich lese. Natürlich hat er nur einen
Vorwand benutzt - bei mir ist es schließlich immer ausnehmend
still. Wie auch sonst, wenn ich hören möchte, wie das Universum
mir spricht. Tatsächlich wollte er eine Tasse energetisiertes
Wasser mit mir trinken, ich wähnte zudem, Kuchen in seiner Hand
zu sehen. Tut mir leid, aber für derlei weltliche Zerstreuung
bleibt mir beileibe keine Zeit, ich muss mich wertvollem
spirituellen Studium widmen. Ich lese ein Buch. In diesem Fall ein
Buch über konkrete Praxis der Nächstenliebe.
16:08:
Irgendwie hat es mein Nachbar erreicht, mich gänzlich meiner
Konzentration zu berauben. Er geht mir in der Tat bisweilen auf
den Keks - auch wenn er wirklich nett ist. Und dennoch vergeht
kein einziges Jahr, in dem er nicht einmal bei mir klingelt.
Nun
ja, ich möchte ihm zugute halten, dass er nicht wirklich über
das Ausmaß erforderlichen Arbeitseinsatzes eines spirituell
engagierten Menschen im Bilde ist, dafür kann er ja schließlich
nichts. Obwohl, andererseits hätte er sich schon längst einmal
mit mir darüber unterhalten können. Bei einer Tasse
energetisiertem Wasser und Kuchen vielleicht – aber auf die Idee
kommt er ja nicht. Stattdessen stört er mich und hält mich
allein aus dem Grund durch und durch irdisch basierter Bedürfnislage
von meiner fürwahr so bedeutsamen Arbeit ab.
Nun
gut, dann werde ich eben Beweis meiner ausgeprägten Flexibilität
erbringen - zudem höchste Tugend des spirituell Engagierten, als
der ich es immer und überall verstehe, gekonnt auf aktuelles
Zeitgeschehen zu reagieren. Ich trete in die aktive Phase meines
Tagesablaufs ein, 7 Minuten früher als beabsichtigt. Nein, nein,
kein Hatha-Yoga, das bekommt mir nicht. Viel zu anregend seine
Wirkung, bin ich doch letztlich den ganzen Tag ausschließlich in
schweißtreibender Aktion. Ich brauche Beruhigung. Die aber finde
ich wo? Natürlich, bei meinen spirituellen Brüdern und
Schwestern im Geiste. Ihre Liebe zur mir wirkt tatsächlich
zehntausend-, was sage ich, millionenfach beruhigender auf mich
als jede übliche zwischenmenschliche Begegnung. Welch
letztgenannte ich überdies in der Tat schon lange nicht mehr benötige.
Das spirituelle Dasein entbürdete mich.
Dennoch:
Der Frieden, die Harmonie und die Eintracht, die im Kreise meiner
spirituellen Geschwister herrschen, führen mir vor, dass die
spirituelle Beschäftigung ohne jeden Zweifel ein zukunftsträchtiges
Lebensmodell verkörpert. Eines, das alle Probleme dieser Welt von
heute auf morgen zu lösen wüsste. Ich schalte den Computer ein -
nein, ich habe noch niemanden von ihnen persönlich kennen
gelernt, wir pflegen ausschließlich verträglichere Formen des
innigen Kontakts -, gehe ins Internet und betrete unsere
Plattform. Rein virtuell versteht sich. Nun gut, was machen meine
geliebten Gefährten gerade? Einen Moment, ich habe die Tür zu
unserem, nebenbei bemerkt: äußerst geschmackvoll eingerichteten,
"Raum der Begegnung" sogleich geöffnet – oh, nein,
sie streiten sich. Das kommt mir jetzt aber wirklich ungelegen.
Und überhaupt, haben sie diese Woche schon irgendetwas anderes
getan? Diesen Monat, dieses Jahr? Was soll's, dann muss ich eben
umdisponieren. Ich trinke einen Wodka.
17:02:
Ich habe die zurückliegende Zeit spirituell vorbildlich genutzt:
Derweil habe ich mir geschwind die neuesten drei Dutzend zeitnah
erschienener spiritueller Errungenschaften im World-Wide-Web
bestellt, die selbstverständlich gerade einmal bis übermorgen
reichen werden. Mir oberstes Gesetz: Immer schön auf dem
Laufenden bleiben. Nun aber steht die spirituelle Erziehung auf
dem Programm.
Ob
die fünf Wodka, die ich mir in der Zwischenzeit zu Gemüte geführt
habe, meiner für diesen Zweck dringend benötigten
differenzierten Artikulation allerdings gut getan haben – ich
entbehrte schließlich des überaus wichtigen Tagesbestandteils
der Beruhigung – ich bin mir nicht sicher. Ich stelle einen
Versuch bei meiner Katze an – sie versteht mich nicht. Dies aber
beunruhigt mich zusehends, der Wodka war demnach für die Katz.
Nicht für meine natürlich. Selbstverständlich nicht. Aber den
Wodka, den muss ich mir abgewöhnen.
17:15:
Spirituelle Erziehung: Ich suche meine gesamte umliegende Gemeinde
auf, mit Ausnahme besagten Nachbarn natürlich - nachher sucht er
wieder das persönliche Gespräch -, und kläre über den Segen
der spirituellen Beschäftigung auf. Ganz diskret natürlich,
schließlich will ich niemanden vergrämen. Aus diesem Grund aber geselle ich mich wie selbstverständlich jeweilig ihrem
Abendessen hinzu.
Ich
honoriere ihre aufmerksame Bewirtung mit dem Fallenlassen der ein
oder anderen spirituellen Vokabel und trete zu vorgerückter
Abendstunde meinen Heimweg an. Meine Güte, bin ich satt. Ganz so
übel sind die Menschen allerdings nicht - Kochen können sie, das
muss man ihnen lassen. Dennoch: Sie haben noch viel zu
lernen. Aber dafür haben sie ja mich.
21:
58: Nun tue ich etwas, das
eigentlich mein Geheimnis bleiben möchte. Zudem das letzte, in
der Tat allerletzte Überbleibsel aus meinem vornehmlich weltlich
ausgerichteten Vorleben [es sei denn, der Wodka sollte wider
Erwarten gleichfalls in diese Kategorie fallen]. Ich sehe fern.
Allerdings heimlich. Zu blamabel und unangenehm empfände ich es,
wenn mich einer meiner spirituellen Brüder und Schwestern hierbei
ertappen würde. Daher verhänge ich sorgfältig Fenster und Türen,
letztere dichte ich zusätzlich ab, gehe ab hier an nicht mehr ans
Telefon, und gebe mich nun endlich der einzig meinem Alltag
verbliebenen Sinnenfreude hin. Nun gut, ich möchte nicht unfair
sein – tatsächlich ist mein gesamtes Leben ein ausnahmsloser
Quell der Freude. Aber dennoch sehe ich gerne fern. Muss ich mir
dringend abgewöhnen.
22:47:
Es wird Zeit für die zweite Hälfte meiner täglichen, allgegenwärtigen
Kontemplation. Ich begebe mich zu diesem Zweck in meinen heiligen
Raum und wiederhole das Procedere des Vormittags. Immer noch ohne
die Passage der Neukodierung, versteht sich. Geht leider nicht
anders. Die Post ist schuld: Sollen sie doch endlich meine DNS
rausrücken. Rief ich doch heute auf dem Postamt an, um
Erkundigung einzuholen, und sie behaupteten, sie hätten derlei
Sendung nie zu Gesicht bekommen. Von wegen... Meine Vermutung ist
vielmehr, dass sich da jemand die Neukodierung ganz besonders
einfach machen und sich zudem kaum zu verachtende Kostenersparnis
verschaffen wollte. Hat sich bestimmt einer meinen DNS-Strang
unter den Nagel gerissen. Ganz so geht das allerdings nicht - ich
werde morgen unverzüglich Beschwerde einreichen.
02:10:
Ebenfalls meine Selbstbesinnung wäre für heute erledigt. Nun
wird es nur noch darum gehen, meine spirituell heilsbringende
Kassette zu hören, wobei ich von dieser "Zur unmittelbaren
Erleuchtung" spreche. Sie wird sicherlich jedem spirituell
Aufgeklärten ein Begriff sein. Wirklich wichtig ist, dass ich
besagte Kassette jeden Tag, sowie kontinuierlich über einen
Zeitraum von mehreren Jahrzehnten höre - denn die
"unmittelbare Erleuchtung", die kann ich sonst
vergessen. Die letzte Aufgabe für diesen Tag wird sein, voll
inneren Friedens einzuschlafen. Mit dem Einschlafen habe jedoch in
der Regel keinerlei Schwierigkeiten, ganz im Gegensatz zu den mir
unerklärlichen Aufwachstörungen. Nun ja, morgen werde ich die
geistige Welt hierzu befragen. Sofern ich dieses Mal dazu kommen
sollte.
03:19:
Das Hörspiel ist beendet. Ich schließe die Augen, danke der
geistigen Welt für diesen wundervollen Tag – und denke
kurzfristig daran, dass ich in etwa zwei Stunden wieder aufstehen
muss. Ein Gedanke, denn ich flugs wieder vertreibe, schließlich
will ich keinesfalls undankbar sein.
Gesegnet
sei das spirituelle Dasein. Gesegnet das Bewusstsein, das uns jede
Freiheit schenkt. Und frei will ich werden, da bin ich sicher...
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