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Franz Stadler

 

 

Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die dem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich nach seinen Wünschen bestmöglich zu entwickeln und sein Glück zu finden? changeX-Autor Franz Stadler hat sich auf diese Erkenntnisreise begeben. Seine These: Jeder zimmert zeitlebens an seinem eigenen Paradies, ohne es je erreichen zu können. Auf diesem Weg brauchen wir weder einen allmächtigen Gott, eine übermächtige Wirtschaft noch einen überbordenden Staat. Am Ende zufrieden sterben ist das höchste Glück. Im Leben also sein Möglichstes tun, um sein Potential so weit wie möglich zu verwirklichen. Und damit gleichzeitig andere Menschen auf deren Selbstentfaltungslinie zu unterstützen. 
 

 

  

Das Paradies sind wir 

 

Wir alle sind auf der Suche nach der Gesellschaftsform der Zukunft, sprich nach der Form unseres Zusammenlebens unter geänderten und sich immer schneller ändernden Bedingungen. Wir alle wollen wissen, wohin, um wieder zu wissen, wofür wir arbeiten! Ausgangspunkt dafür sind die Bedürfnisse des Einzelnen. Nur aus diesen Bedürfnissen kann das gemeinsame Ziel definiert werden.

 

Fragen wir also zunächst, was der Einzelne in seinem Dasein eigentlich will und was er zu leisten imstande ist. Dabei soll es nicht um seine oberflächlichen Konsumwünsche, sein Auto, sein Haus oder seine Yacht gehen. Diese Symbole des Wohlstandes haben zwar ihren Stellenwert im Leben eines Menschen. Aber um sie muss sich nicht die Gesellschaft, sondern jeder selbst kümmern. Thema soll vielmehr die Art unseres Zusammenlebens sein. Wie kann eine künftige Gesellschaft aussehen, die dem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich nach seinen Wünschen bestmöglich zu entwickeln und sein Glück zu finden?

 

Beginnen wir unsere Suche mit einem Blick in die Geschichte: In der gesamten Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Vorstellungen vom Paradies. Die Inhalte unterschieden sich über die Jahrhunderte nie wesentlich: Man stellte sich eine duftende Welt vor, ohne Hunger - mit gebratenen Tauben auf den Bäumen - und Durst - mit Wein statt Wasser in Bächen. Eine Welt ohne Arbeit, Mühen, Streitereien, Krieg und Tod, ohne gesundheitliche Gebrechen und ohne Altern. Jeder lebte zufrieden - in Harmonie mit sich und seiner Mitwelt. Das Wetter war natürlich immer paradiesisch frühlingshaft. Die Landschaft weit und klar. Alles wurde von einer großen, wohlgesonnenen Macht zur Zufriedenheit aller geregelt. Kurz: Alles war gut. Doch das reale Leben ist blöderweise nicht so. Oder genauer gesagt: Es ist glücklicherweise nicht so!

 

Denn eigentlich träumte man vom Paradies als einer Welt ohne Bedürfnisse und Aufgaben. Das Paradies war zwar wohlgeordnet, aber nahezu statisch. Es war nicht nur alles gut - es blieb auch so. Doch wer will schon nie mehr Wünsche und Ziele haben? Die Spannung im Leben wäre verloren und man vegetierte nur noch so vor sich hin, verbrächte seine Zeit ohne Sinn. Jeder Tag wäre wie der vorhergehende. Immer Sonnenschein, immer leckeres Essen, immer bester Wein. Worauf sollte man sich freuen? Nur Bücher lesen, Musik hören und/oder Sport treiben? Jedes gute Gespräch wäre bereits geführt, jeder Film gesehen. Kurzum: paradiesische Langeweile.

 

Wir leben indes nicht im Paradies und werden auch nie in einem Paradies leben. Wir suchen es nur. Und darüber können wir uns schnell verständigen: Wir sehnen uns alle nach Harmonie in unserem Leben. Aber nichts regelt sich von allein oder wird vom gütigen, uns behütenden Staat zu unserer Zufriedenheit geregelt. Ohne unser ständiges Handeln wird und bleibt nichts gut. Denn die Realität sieht anders aus: Sie besteht aus einem sich ständig wandelnden Dasein.

 

Zufrieden sterben - der Sinn jeden individuellen Lebens. 

 

Glück, Wohlstand, Gesundheit, gute Freunde und Freundinnen, sinnvolle Arbeit - kurz ein erfülltes, friedliches und harmonisches Leben wünscht sich jeder. Ein wenig paradiesisch soll das irdische Leben schon sein. Als Zielvorstellung taugt das Paradies durchaus. Nur ist das reale Leben nicht statisch und langweilig. Es fordert unseren permanenten Einsatz. Das Paradies so weit wie möglich zu realisieren ist der Sinn des Lebens. Oder anders ausgedrückt: Das Leben eröffnet jedem die Möglichkeit, am Paradies zu formen. Glück bedeutet dabei: aus freien Stücken, aus innerer Überzeugung und eigenem Willen nach seinen Fähigkeiten an sich und an der Welt zu arbeiten, mitzugestalten - kurz: im besten Sinne produktiv zu sein.

 

Die endgültige Manifestierung des Paradieses ist jedoch nicht vorgesehen. Sie ist auch nicht wirklich gewünscht. Aus unserem Bemühen, der Arbeit daran, aus kleinen und größeren Erfolgen auf dem Weg dorthin resultiert die persönliche Zufriedenheit als Mensch. Der erreichte Grad dieser Zufriedenheit ist das Fazit eines individuellen Lebens und die eigentliche Triebfeder unseres Daseins. Unser persönliches Ziel sollte sein, mit dem Gefühl sterben zu können, unser Möglichstes im Leben getan zu haben, unser Potential so weit wie möglich verwirklicht zu haben. Dieses Gefühl, zufrieden sterben zu können, ist weit mehr wert, als man zunächst glaubt: Es ist das höchste erreichbare Ziel des Einzelnen in seinem Leben, sein größtes Glück! 

 

Unser Leben ist zeitlich begrenzt und bedingt. 

 

Unser individuelles Leben beginnt zufällig und verläuft von Geburt an dem sicheren Ende entgegen. Wir werden alt, gebrechlich und krank. Unsere Freunde sterben weg und auch wir werden sterben. Wir verfügen nur über eine limitierte Lebensdauer unbekannter Länge. Diese begrenzte Zeit muss ausreichen, um unserem Leben Sinn zu geben und an der Gestaltung unseres Paradieses mitzuwirken. Die Begrenztheit ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Daseins. Das wissen wir zwar alle, aber wir verdrängen diesen Umstand so erfolgreich, dass dieses Verdrängen und Verschieben dazu beiträgt, den Sinn des Lebens aus dem Auge zu verlieren. Denn das persönliche Glück auf später zu verschieben macht keinen Sinn. Auch sollte unser sicheres Lebensende nicht Ursache unserer Verzagtheit sein, sondern Motivation und Antrieb unseres Einsatzes. Denn wir wollen möglichst zufrieden sterben.

 

Zufrieden zu sterben bedeutet, permanent an der Realisierung seines Paradieses auf Erden zu arbeiten. Es erfordert aber auch, sein Potential erkennen, entfalten und nutzen zu können. Das wiederum ist eine Frage der persönlichen Möglichkeiten, der Bedingungen, unter denen man lebt. Die Umgebung, in die wir hineingeboren werden, und unsere mitgegebenen Fähigkeiten - körperliche und geistige - bedingen die Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Beides sind Zufallsprodukte. Beides erhalten wir ohne unser Zutun. Nur, was der Einzelne aus seinen Möglichkeiten macht, ist beeinflussbar - aktiv und passiv.

 

Aktive und damit sinngebende Einflussnahme auf den Verlauf unseres Lebens hängt sehr stark vom Grad der ökonomischen Sicherheit ab. Es gibt ein Grundbedürfnis nach individueller Absicherung. Kämpft jemand ständig ums nackte Überleben, kann er sich nicht um die Verwirklichung einer paradiesischen Gesellschaft kümmern. Er wird es auch nicht tun. Seine Wahrscheinlichkeit, zufrieden zu sterben, ist sehr gering. Meist wird er im Zustand der Erschöpfung diese Welt verlassen. Sein Lebensziel hat er nicht erreicht. Übrigens genauso wenig wie der, der zwar die Wahlmöglichkeiten hatte, sie aber ungenutzt verstreichen ließ.

 

Allzu viele lassen sich passiv lenken durch die Vielzahl der verführerischen Angebote und durch vordergründige Ziele unseres modernen Lebens. Sie hasten von einem Event zum nächsten Projekt. Sie suchen einseitig meist den wirtschaftlichen Erfolg und stellen spätestens in der Stunde ihres Todes fest, dass sie wichtige Dinge ihres Lebens vernachlässigt oder versäumt haben. Glücklich zu leben und zufrieden sterben zu können heißt deshalb auch, die richtige Balance zwischen Beschleunigung und Verlangsamung zu suchen und zu finden. Es heißt, Herr zu sein über seine Lebensgeschwindigkeit und damit letztlich über seine Entscheidungen. Zeitdruck und hektisches Agieren ohne Kontemplation und ohne Reflexion führen nahezu zwangsläufig zum Verlust des Lebenszieles und am Ende zu Unzufriedenheit. 

 

Niemand weiß alles. 

 

Die Welt ist unendlich komplex. Alles beeinflusst sich gegenseitig und mannigfaltig. Unser Wissen verdoppelt sich ungefähr alle fünf Jahre. Gleichzeitig aber steigt die Zahl der offenen Fragen. Einen Überblick zu erlangen, im Sinne früherer Universalgenies, ist heute unmöglich. Wir können überdies nicht die objektive Wahrheit finden, denn alles fließt, bewegt sich, lebt. Alle Faktoren, die ein Geschehen beeinflussen, kennen zu wollen ist selbst für Experten auf einem eng umgrenzten Gebiet Illusion. Das Sein lebt und wandelt sich. Die Zukunft ist offen und nicht konkret planbar. Sicherheit - im Sinne von alles wissen und alles planen - ist nicht herstellbar. Deshalb ist das Ergebnis einer offenen Diskussion der Meinung eines Experten vorzuziehen. Die Relativität unseres Wissens begründet sogar unsere Pflicht, sich an Diskussionen zu beteiligen: Nur so können wir unserer Verantwortung für unser Leben gerecht werden. Wichtig ist dabei nur, ergebnisoffen zu diskutieren. Jeder kann Recht haben! 

 

Keiner lebt für sich allein. 

 

Maximale Freiheit ist schon deshalb nicht möglich. Sich gegenseitig beeinflussende Faktoren führen zu Kompromissen. Jede (Nicht-)Bewegung und jede (Nicht-)Tat führt zu Wechselwirkungen mit Bewegungen und Taten anderer. Subjekt und Objekt stehen in enger Beziehung zueinander und sind nicht trennbar. Das Leben ist deshalb ein ständiger Kompromiss. Diese Erkenntnis führt zu zwei wichtigen Verhaltensregeln. Erstens: Habe Respekt vor deiner Mitwelt! Sie beeinflusst dein persönliches Leben direkt und indirekt. Zweitens: Sei persönlich bereit, dich zu entwickeln! Nur so nimmst du den Fluss des Lebens in dich auf. Und dieser Zwang zum Kompromiss ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Denn wer möchte schon allein auf der berühmten Insel leben? Wenn wir schon allein sterben müssen, dürfen und wollen wir wenigstens vorher zusammen leben! 

 

Das höchste Vermögen des Menschen ist, aktiv zu handeln. 

 

Der Mensch besitzt als einziges Lebewesen auf Erden die Fähigkeit, über seine Taten nachzudenken. Er kann das vor oder nach seinen Handlungen tun: Er kann bedauern, er kann andere mitreißen und überzeugen, er kann vergeben, er kann lernen und er kann planen. Was auch immer er tut - er setzt in seiner Umwelt Impulse. Je mehr dies im Einklang mit seinen persönlichen Zielen geschieht, desto zufriedener kann der Einzelne sein. Verantwortliches Handeln und Entscheiden erfordert aber gerade deshalb Zeit und Raum zum Reflektieren, um ein Gefühl für das Leben als Ganzes zu entwickeln. Das Ziel, zufrieden sterben zu können, ist nur aktiv zu erreichen. 

 

Analytisches Denken ist nicht alles. 

 

Der Erkenntnis folgend, dass nie alle Faktoren gleichzeitig und im Zeitpunkt der zu treffenden Entscheidung überblickt werden können, muss der Intuition wieder mehr Platz in unserem Leben eingeräumt werden. Denken und Fühlen sind prinzipiell gleichberechtigt. Das heißt aber auch: Fehler sind normal und gehören zum Leben. Sich gut fühlen ist, genau genommen, sogar wichtiger, als alles bedenken zu wollen. Beides gehört zwar zusammen. Aber absolute Analyse ist nicht möglich, während ein Sichgutfühlen zumindest zeitweise erreicht werden kann. Vorrausetzung hierfür ist aber, mit sich im Reinen zu sein und Respekt - ja Liebe - zu seinen Mitmenschen und zu seiner Umwelt zu entwickeln. 

 

Was folgt nun aus diesen Grundrealitäten für unser gesellschaftliches Zusammenleben? 

 

1. Der Staat kann und soll nicht alle Details regeln.
Eine objektive Bestimmung der Wahrheit oder der einzig richtigen Entscheidung ist wegen der Komplexität und Wandelbarkeit des Daseins nicht möglich. Die Folge: Der Staat kann nicht alle Details regeln. Selbst wenn man annähme, dass alle Staatsdiener, Politiker und Entscheider nur unser Bestes wollten, können Detailfragen von einigen wenigen nicht gelöst werden. Es kann nicht gelingen, ein starres, durch möglichst viele Regeln festgezurrtes Paradies auf Erden zu errichten.

 

Der Staat und seine Vertreter sollten deshalb nur relativ weit gesteckte und allgemein gültige Rahmenbedingungen festlegen und überwachen. Wichtig ist, dass diese Regeln von der Mehrheit der Individuen getragen, leicht nachvollzogen und damit auch eingehalten werden können. Der Staat ist nur der Erfüllungsgehilfe des Minimalkonsenses, der Schnittmenge und moralischen Quintessenz des sich ständig von unten nach oben neu bildenden gesellschaftlichen Gemeinwillens, dessen Hauptaugenmerk auf einem friedlichen und für alle bestmöglichen Leben liegen sollte.

 

Denn dies ist das Interesse aller: gut, möglichst lange und friedlich zu leben. Detailfragen müssen und werden auf unteren, regionalen Ebenen in sich wandelnden Netzwerken innerhalb des durch die allgemeinen Gesetze vorgegebenen Rahmens gelöst. Man kann den Staat als Grundstück begreifen, als gemeinsames Areal, das durch einen Zaun (die Gesetze) abgesteckt werden muss. Nur der Zaun macht Sinn. Nicht sinnvoll ist es jedoch, möglichst viele Pflöcke kreuz und quer über den ganzen Grund zu verteilen und so jede Bewegungs- und Handlungsfreiheit einzuschränken. Die Bedürfnisse des Einzelnen stehen im Mittelpunkt. Er will immer möglichst wenig seiner persönlichen Freiheit aufgeben. Eigentlich will er nur dann zurückstecken, wenn es seinem Fernziel, sein eigenes Paradies zu erreichen, dienlich erscheint.

 

Der Mannigfaltigkeit und Vielfalt dieser persönlichen Vorstellungen kann nur ein zurückhaltender Staat gerecht werden. Der Staat und seine Vertreter können keinesfalls jene große, uns wohlgesonnene Macht sein, die in den mittelalterlichen Paradiesvorstellungen den Namen Gott hatte und die alles überblickte und die - dank ihres grandiosen Überblicks und ihrer Allmacht - alles zum Guten wendete und letztlich auch gut sein ließ. Er muss das Individuum mitentscheiden und sich entfalten lassen. Der Einzelne entscheidet sich für den Staat, der ihm persönlich die besten Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Dafür ist er auch bereit, einen Teil seiner Handlungsfreiheit abzugeben. 

 

2. Jeder ist selbst verantwortlich.
Da der Staat nicht alles regeln kann und soll, folgt zwangsläufig die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze. Das bedeutet aber ein Ende der Anspruchsmentalität vieler unserer Mitbürger, die sich in Zeiten zweistelliger wirtschaftlicher Wachstumsraten als bequemer und einfacher Weg für viele herausgebildet hatte. Wenn aber jeder erkennt und weiß, dass er für sich selbst verantwortlich ist und er dieser Verantwortung am besten in der Gemeinschaft und in der Zusammenarbeit mit anderen gerecht werden kann, ist einiges gewonnen. Die Konsumgesellschaft überlebt in Zeiten der Globalisierung und Individualisierung nur für kurze Zeit, wenn das gemeinsame Interesse am Funktionieren der Gesellschaft verloren geht.

 

Es ist wie mit den Impfgegnern: Solange ein genügend großer Prozentsatz an Personen geimpft ist, können wenige auf eine Impfung bewusst verzichten. Sinkt aber der Durchimpfungsgrad der Gesamtbevölkerung, brechen die Seuchen wieder aus. Genauso sollte das Individuum erkennen, dass ein aktives Mitwirken an der Gestaltung unserer Gesellschaft sowohl deren Funktionieren als auch seine eigene Mitbestimmung überhaupt erst ermöglicht. Passivität macht verwundbar. Resultat ist die klassische Opferrolle. Mitwirken heißt aber nicht, dass jeder seine Meinung durchsetzen kann. Es heißt nur, dass er sich bestmöglich an der Meinungsbildung beteiligen soll. Denn niemand weiß alles. Aber nur aus der Meinungsvielfalt kann sich - das gemeinsame Ziel vorausgesetzt - der beste Weg herauskristallisieren. Toleranz ist die Grundlage. Der eigentliche Prozess der Meinungsbildung ist mühsam und beschwerlich. Er geht nie zu Ende, aber er ist das Salz in der Suppe des Lebens. Er ist das Leben selbst. Und dieser Prozess ist der Unterschied zum Paradies: Das Paradies ist vollendet und statisch. Das Leben ist fließend, spannend und vielschichtig. 

 

3. Die Wirtschaft ist nicht alles.
Zweifelsfrei ist eine effizient und gut laufende Ökonomie die Grundlage unseres Wohlstands. Erst ihre Erfolge ermöglichten uns den Sieg im Kampf ums nackte Überleben, der unser Leben in früheren Jahrhunderten bestimmt hat. Lassen wir für einen Moment die globalen Verteilungsprobleme unberücksichtigt, muss niemand mehr vor Hunger und Durst sterben. Es geht uns gut, so gut wie niemals in der gesamten Menschheitsgeschichte. Trotzdem ist die Wirtschaft nicht alles in unserem Leben. Niemals sollten wir den Sinn des Lebens aus dem Auge verlieren. Es genügt nicht, den Shareholder-Value zu verbessern, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, zweistellige Zuwachsraten des Unternehmensgewinns zu erzielen oder auch das individuelle Einkommen zu erhöhen, um sich unserer Paradiesvorstellung zu nähern.

 

Wenn wir in der Stunde unseres Todes "nur" wirtschaftlich erfolgreich waren oder "nur" über ein dickes Bankkonto verfügen, werden wir nicht zufrieden sterben. Das würde ein sehr eindimensionales Leben voraussetzen. Das Leben ist aber komplex und besteht aus sehr viel mehr Facetten: Freundschaft, Liebe, Glück, Gesundheit, Gemeinschaft, Umwelt, Nachkommen und so weiter. Der Zusammenbruch einer Firma, der Verlust des Arbeitsplatzes kann und darf nicht zum Verlust des Lebenssinns führen. Solche Ereignisse sind in einer sich immer rascher wandelnden Wirtschaft mit einer sich ständig steigernden Produktivität normal. Auch Phänomene wie die Globalisierung tragen ihren Teil zur wachsenden Instabilität einzelner Firmen bei. Nicht einmal die Zugehörigkeit zu einer großen Firma, einem Global Player, kann dem Einzelnen die erwünschte Sicherheit vermitteln.

 

Näheren wir uns aber insgesamt einen paradiesischen Zustand - sprich verbessert sich das Leben des Einzelnen in der Gemeinschaft - kann es uns gelingen, diesen scheinbaren Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Je klarer das Fernziel formuliert und verfolgt wird, desto einsichtiger kann das Individuum werden. Mit seinen Kräften mitzuarbeiten an der Verwirklichung eines möglichst guten Lebens aller kann dem Einzelnen langfristig mehr Sinn geben, als sein persönliches Einkommen kurzfristig und egoistisch zu erhöhen. Er kann seinen Erfahrungshorizont erweitern, seine Neugierde am Leben und seine Begierde zu leben erhalten und so an der Verwirklichung seines eigenen Daseins arbeiten - mit dem Ziel, zufrieden sterben zu können.

 

Wir fassen zusammen: Ausgehend von der Annahme, dass jeder so gut wie möglich sein Leben verbringen will, sollte jeder die Möglichkeit erhalten, glücklich und sinnvoll zu leben. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und trifft seine eigenen Entscheidungen. Die Gesellschaft gibt nur den Rahmen vor, der ihm seinen individuellen Lebensweg im Zusammenleben mit seiner Mitwelt ermöglicht. Da niemand für sich allein lebt, bedarf es dieses Rahmens. Er ist Aufgabe des Staates. Das bedeutet nicht, dass der Staat jeden Einzelnen glücklich machen soll. Er soll ihm nur ermöglichen, selbst glücklich zu werden. Diese These hat zwei wichtige Konsequenzen:

  1. Jeder muss aktiv an seinem Glück arbeiten. Es wird ihm nichts geschenkt und es gibt keine einklagbare Garantie auf das Glück. Jeder ist seines Glückes Schmied.

  2. Der Staat muss die Grundlagen für das Zusammenleben vieler Menschen schaffen, darf dabei aber nicht seine Aufgabe aus dem Auge verlieren: jedem die Möglichkeiten zu eröffnen, glücklich leben zu können.

Wie könnte ein Staat, der seine Aufgabe ernst nimmt, aussehen? 

 

Der Blickwinkel sollte immer auf den Einzelnen gerichtet sein - als Individuum in der Masse und wichtigster Bestandteil eines funktionierenden Ganzen. Deshalb muss zuerst Grundsicherheit für den einzelnen Menschen hergestellt werden. Grundsicherheit heißt aber nicht, die individuelle Freiheit zugunsten einer Gleichheit im materiellen Sinne zu beschränken. Es heißt vielmehr, eine Basis, eine Minimum-Ausgangssituation für die persönliche Entwicklung der Lebensmöglichkeiten bereitzustellen.

 

In Ansätzen versucht der gegenwärtige Sozialstaat bereits, eine gewisse Grundabsicherung seiner Bürger zu gewährleisten: das soziale Netz. Was insofern gelingt, als nur mehr wenige Menschen in der Bundesrepublik verhungern oder erfrieren müssen. Der Aufwand und der komplizierte Aufbau des Sozialsystems sind jedoch unbefriedigend und der eigentliche Systemfehler. Viele unkoordinierte Ämter versuchen mit enormem Einsatz von Personal und Papier, eine Einzelfallgerechtigkeit herzustellen, die indes nicht erreicht werden kann. Die Folge: Jede weitere "Verfeinerung" des Systems führt zu neuen Regeln, neuen Ausnahmen und neuen Formularen, die nicht nur für den Bürger unüberschaubar geworden sind. Auch die Behörden sind nicht mehr in der Lage, ihre eigenen Erlasse zu überblicken und sinnvoll zu koordinieren. Inzwischen ist davon auszugehen, dass der Staat seine eigenen Zusagen an Leistungen nicht mehr bezahlen kann, wenn diese in vollem Umfang in Anspruch genommen würden.

 

Die Unzufriedenheit wächst auf beiden Seiten. Denn weder der Bürger noch die behördlichen Berater durchschauen den Verordnungsdschungel. Ein Resultat ist die Nicht-Inanspruchnahme beziehungsweise Nicht-Kenntnis diverser Leistungen durch Teile der Berechtigten. Neben dieser systemimmanenten Ungerechtigkeit öffnet die Unübersichtlichkeit auch dem Missbrauch Tür und Tor. Wer gewieft genug ist und Lücken ausnützt, kann mehr bekommen, als ihm zusteht. Das führt dann zu gravierenden Missbrauchsfällen und beispielloser Ineffizienz.

 

Beispiel Arbeitslosigkeit: Über 90.000 Mitarbeiter in der Bundesanstalt für Arbeit verwalten fünf bis acht Millionen Arbeitslose, prüfen jeden Einzelnen und können ihm letztlich doch nicht helfen. Die von der Behörde selbst publizierte Erfolgsquote bei den Vermittlungen liegt unter fünf Prozent! Trotzdem ermittelt sie die Bedürftigkeit jedes Einzelnen, die Höhe und Dauer seines Arbeitslosengeldes, seiner Sozialhilfe und sonstigen Zuwendungen. Es werden Formulare und Anträge ausgefüllt und wird - im positiven Fall - eine Kulisse an Versprechungen aufgebaut. Der Arbeitslose auf der anderen Seite ist mit der Behörde beschäftigt, wartet passiv auf Lösungsvorschläge und verlernt dabei, sich um sich selbst und sein Leben zu kümmern.

 

Das Dilemma ist offensichtlich: Sinnloser Aktivismus auf der einen lähmt die andere Seite. Ein enorm aufgebauschtes Fürsorgeversprechen durch den Staat wiegt viele in der trügerischen Sicherheit, alles werde gut. Man muss nur Geduld haben und abwarten können. Die Folge: Andere kümmern sich um einen und man kann passiv bleiben. Die Verantwortung des Einzelnen liegt in der Antragsstellung, im Ausfüllen der Formulare und im Weg zum Sozialamt. Dies wiederum verringert das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung der Betroffenen. Der Einzelne wird von seinem Paradies entfernt. Er ist unzufrieden und verfällt in Passivität.

 

Als potentiellem Wähler wird ihm ständig eine Zunahme der Beschäftigungszahlen versprochen. Der nächste Aufschwung kommt bestimmt. Doch Aufschwung oder Weiterentwicklung ist Bürgerpflicht und fordert Engagement. Und Einsatz ist nur möglich, wenn man den Bürger aktiv sein lässt. Das erfordert soziale Absicherung ohne Erniedrigung, erfordert Anreize zum Engagement, Beteiligungsmöglichkeiten und Respekt. Und es erfordert einen Umbau des Sozialsystems. Aber was ist zu tun? Weder die soziale Hängematte mit ihrer Überregulierung und ihrer daraus resultierenden, fast paradiesischen Passivität noch das Fehlen jeglicher gesellschaftlichen Absicherung, ein Szenario, das zwangsläufig zu sozialem Sprengstoff führt und nur von ultraorthodoxen Kapitalisten gefordert wird, kann die Lösung sein. Der mögliche Mittelweg ist die Einführung eines Bürgergeldes.

 

Bürgergeld heißt: soziale Grundabsicherung pro Kopf. Mit Verzicht auf Einzelfallprüfung. Sprich: die individuelle Freiheit als Bürger dieses Staates. Die Idee dahinter: Das Geld würde ohne Ansehen der Person ausbezahlt, ohne starke Korrelation mit dem Einkommen (vielleicht könnte es bei Überschreitung bestimmter Einkommensgrenzen entfallen) und ohne Überprüfung seiner Verwendung. Es wäre nicht besonders üppig bemessen, stünde aber jedem Bürger frei zur Verfügung. Zu- oder Nachschläge wären prinzipiell ausgeschlossen. Der Staat zahlt einen bestimmten Betrag, aber keinesfalls mehr.

 

Um besonders Bedürftige, sozial Gestrandete, Alkoholiker, Drogensüchtige oder andere Menschen, die ihrer persönlichen Verantwortung nicht gerecht werden können oder wollen, müssen sich die Mitglieder der Gesellschaft selbst kümmern. So könnten Teile des jeweiligen Bürgergeldes durch die Justiz in die Hände sozialer Einrichtungen umgeleitet werden, die sich dann im Gegenzug verpflichten, den entsprechenden Bedürftigen zu betreuen. Ehrenamt ist möglich und gewünscht, denn auch dafür erhalten die Bürger ihr Bürgergeld.
Jeder ist frei in seinen Entscheidungen. Der Staat sorgt nur für die gerechte Verteilung des Bürgergeldes. Er agiert sehr zurückgenommen und fordert damit von seinen Bürgern mehr Aktivität. Der Staat und die Justiz bestimmen über den Verlust oder die Reduzierung der Zahlungen bei groben Verstößen gegen geltendes Gemeinschaftsrecht. Denn nur der Status, Bürger dieses Staates zu sein, berechtigt zum Bezug des Bürgergeldes. Es verpflichtet andererseits zu solidarischem oder zumindest tolerantem Handeln den anderen Bürgern gegenüber. Niemand muss ehrenamtlich für die Gesellschaft tätig sein, aber er kann es. Jeder möchte glücklich und harmonisch leben. Er kann es jedoch nur, je näher wir unsere gesamte Gesellschaft ans Paradies bringen. Dies ist die Aufgabe aller Teile dieser Bürgergesellschaft. Rückschläge und Tiefs sind vorprogrammiert, aber das Ziel bleibt klar. 

 

Was folgt aus diesem Bürgergeld für den Einzelnen und für den Staat? 

 

Die Existenzangst ist für den Einzelnen dann nicht mehr entscheidend. Wirtschaftliche Gesichtspunkte verlieren für ihn als Person an Bedeutung. Er gewinnt an Freiheit und kann sich seinem Paradies, der sinnvollen Entwicklung seiner Möglichkeiten, nähern. Er ist nicht darauf angewiesen, zu arbeiten. Er kann arbeiten, falls er seinen Lebensstandard verbessern will oder falls er für seine ganz persönliche Sinnfindung etwas tun möchte. Die Motivation zu arbeiten resultiert in jedem Fall aus ihm selbst. Und sei es nur, weil er seinen Nachbarn mit seinem Konsumverhalten imponieren will.

 

Nach wie vor wird der Bürger in der Regel arbeiten. Der Faktor einer finanziellen Entlohnung für geleistete Arbeit wird aber unwichtiger als bisher. Ehrenamtliche, mehr oder weniger sinngebende Arbeiten werden leichter möglich. Ihr Anteil wird zunehmen, weil der Staat sich aus vielen - heute noch selbstverständlichen - Aufgaben zurückziehen wird. Zudem werden diese Arbeiten dem Einzelnen ermöglichen, aktiv zu bleiben und sein Leben zu gestalten. Sie helfen mit, die paradiesische Langeweile zu vermeiden. Einer Erwerbsarbeit wird der Einzelne oft nur noch projektbezogen, periodisch - zur Realisierung bestimmter Wünsche - und je nach Gelegenheit nachgehen. Er kann aber auch schlicht seinen Hobbys frönen. Nur in Ausnahmefällen wird jemand zu Erwerbsarbeit durch finanzielle Not gezwungen. Ist der Einzelne mit dem Bürgergeld zufrieden und hat er keine höheren Ansprüche, muss er nicht arbeiten.
Man könnte nun einwenden, dass in einem solchen System die Allgemeinheit die Faulen unterstütze und dass viele unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten wollen. Aber selbst aus reinem Eigennutz derer betrachtet, die arbeiten wollen, wäre dies von Vorteil: Denn es wird in Zukunft - und diese Zukunft hat bereits begonnen - nicht mehr genügend Arbeit für alle geben! Immer neue, bessere und produktivere Werkzeuge, Maschinen, Roboter verringern den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft in der Industrieproduktion. Die Entwicklung der Erwerbsarbeit in der Produktion folgt der, die der Agrarbereich bereits hinter sich hat. Heute arbeiten nur noch zirka zwei Prozent aller Erwerbstätigen in Europa in der Landwirtschaft. Trotzdem haben wir Probleme mit der Überproduktion und eigentlich eine Überversorgung in den Ländern der EU.

 

Im Bereich der Industrieproduktion gehen Schätzungen davon aus, dass fünf bis sieben Prozent der Erwerbstätigen für die gesamte Warenproduktion ausreichen werden. Die Globalisierung tut ihr Übriges. Und die Vernetzung in der Kommunikation mittels Internet und die weltweite Transportlogistik verschärfen die Konkurrenzsituation. Trotz zum Teil großer Entfernungen sind ausländische Anbieter in vielen Fällen billiger als die heimische Produktion. Der Dienstleistungssektor kann nicht alle frei werdenden Arbeitskräfte aufnehmen. Neue, wirklich innovative Produkte sind eher selten. Quantensprünge wie die Erfindung des Automobils oder der Computer sind derzeit nicht unmittelbar zu erwarten.
Und selbst wenn: Es erscheint ziemlich unwahrscheinlich, dass damit und im Dienstleistungssektor ungefähr 90 Prozent der Erwerbsfähigen untergebracht werden können. Aus heutiger Sicht heißt das, die Arbeitslosigkeit nimmt zwangsläufig zu. Der Begriff Arbeitslosigkeit ist aber negativ besetzt, da unser momentanes Denken ein rein ökonomisches ist. Stellen wir aber den Menschen in den Mittelpunkt und vergleichen wir das Resultat der skizzierten Entwicklung mit seiner Zielvorstellung eines glücklichen und zufriedenen Lebens, erkennen wir eine positive Entwicklung: Der Ist-Zustand nähert sich unserer Paradiesvorstellung. Es ist nur eine Frage des Standpunktes und der Betrachtungsweise: Steht die Wirtschaft oder der Mensch im Mittelpunkt unseres Denkens? 

 

Wie finanziert sich dieses Bürgergeld? Wie ordnen sich die Staatsfinanzen? 

 

Die Medaille hat natürlich zwei Seiten: die Ausgaben- und die Einnahmenseite. Auf der Ausgabenseite ist es eine Frage der Zahl der Aufgaben, die wir unserem künftigen Staat übertragen wollen. Prinzipiell ist davon auszugehen, dass der Bürgerstaat deutlich weniger Regelungs- und Verwaltungsarbeit zu leisten hat als unser derzeitiger Sozialstaat. Sein Selbstverständnis wird nicht mehr die Herstellung einer illusorischen Einzelfallgerechtigkeit sein. Vielmehr wird er allgemein verträgliche Rahmenbedingungen festlegen, die es jedem Bürger erlauben, aktiv glücklich zu werden. Das heißt aber auch, es wird deutlich weniger Staatsdiener - Beamte oder Angestellte - geben. Zirka fünf Millionen Menschen sind zurzeit im öffentlichen Dienst beschäftigt. Das entspricht einer Quote von 6,1 Prozent aller Einwohner. Der Vergleich mit 1913 - damals lag die Quote bei einem Prozent - spiegelt auch die wachsende Zahl an sozialen Aufgaben, die der Staat im Laufe der Zeit übernommen hat.

 

Die Form der bisherigen staatlichen Beschäftigungspolitik wird schon allein aus finanziellen Gründen verschwinden. Denn die Staatseinnahmen reichen nicht mehr aus, die Personalausgaben zu schultern und die übernommenen Aufgaben zu erfüllen. Unser Staat ist eigentlich heute schon pleite. Seine Handlungsfähigkeit wird nur durch ständig neue Nettoschuldenrekorde aufrechterhalten. Das Grundproblem des Ungleichgewichts von Einnahmen und Ausgaben wird so aber nur in die Zukunft verlagert.

 

In Zukunft sollte es nicht mehr vorrangiges Staatsziel sein, wirtschaftliche Prosperität mit möglichst geringer Arbeitslosigkeit zu erreichen, sondern zufriedene Bürger. Denn das ist nicht dasselbe. Pauschal gesagt: Weniger Reglementierung steigert das Wohlbefinden der meisten Staatsangehörigen. Sicher wird der Staat auch in Zukunft Aufgaben übernehmen müssen, die der Einzelne nicht lösen kann: Bildungssystem, öffentliche Infrastruktur, innere und äußere Sicherheit gehören dazu. Aber muss er dazu als Arbeitgeber auftreten? Muss dazu ein eigenes Besoldungs- und Rentensystem bestehen?

 

Gehen wir also davon aus, dass der Staat seine Aufgaben und damit die Zahl seiner Beschäftigten verringert. Trotzdem wird die Auszahlung des Bürgergeldes einer stetigen Einnahmequelle bedürfen. Diese Quelle muss unabhängig von einer Einkommens- und Gewinnbesteuerung sein. Denn wie wir bereits gesehen haben, nimmt sowohl die Zahl der aktiven Erwerbstätigen als auch die Höhe der in unserem Staat erzielten Gewinne ab. Rationalisierung, demographische Entwicklung und Globalisierung tun ihr Übriges. Der Schlüssel liegt im Konsum. Denn Deutschland wird auch in Zukunft - dank seines Wohlstandes - ein interessanter Markt sein. Deshalb ist es aus meiner Sicht unumgänglich, die Umsatz- und Mehrwertsteuer zur Haupteinnahmequelle unseres Staates zu machen.
Was heißt das? Unser Steuersystem muss vereinfacht und umgebaut werden. Das bedeutet die deutliche Herabsetzung der Gewinn- und Einkommensbesteuerung bei gleichzeitiger drastischer Erhöhung der Umsatz- und Mehrwertsteuer. 25 Prozent Mehrwertsteuer würden vielleicht 15 Prozent Einkommensteuer (unter 30.000 Euro Jahreseinkommen null Prozent, über 100.000 Euro 30 Prozent Maximalsteuersatz) gegenüberstehen. Sozialabgaben wie Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung entfallen. Abschreibungsmöglichkeiten würden weitgehend abgeschafft, Grundnahrungsmittel von der Mehrwertsteuer befreit. Die Folgen wären:

  1. Der Markt und damit der Konsum würden unseren Staat finanzieren. Gewinnverschiebungen wären erschwert, da der Ort jedes einzelnen Verkaufes nicht so leicht wie der Produktionsstandort ins Ausland verlagert werden kann (über Zollbestimmungen bei größeren Gütern müsste detailliert nachgedacht werden, ebenso über eine mit Sicherheit kommende Verteuerung der Transportkosten).

  2. Bürger, die mehr konsumieren, würden mehr zur Staatsfinanzierung beitragen als Bürger, die sich mit weniger Konsum begnügen.

  3. Die Schwarzarbeit würde wegen des fehlenden Anreizes zur Steuerhinterziehung zurückgehen.

  4. Der Faktor Arbeit würde wegen der reduzierten Sozialabgaben für den Arbeitgeber deutlich günstiger.

  5. Der Verwaltungsaufwand würde geringer - verglichen mit dem jetzigen System geradezu minimiert.

  6. Das System wäre für jedermann transparent und nachvollziehbar.

Die Höhe des Bürgergeldes ist diesbezüglich so festzulegen, dass es für den einzelnen Bürger und ebenso für eine mehrköpfige Familie ausreicht, ein bescheidenes Leben ohne materielle Not führen zu können. Besondere Anschaffungen (Haus, Auto, Pferd et cetera) sind nur durch aktive Lohnarbeit zu finanzieren.

 

Klare und nachvollziehbare Regeln sind die eigentliche Grundlage dieses Bürgerstaates. Jeder weiß, woran er bei seinem Staat ist. Es gibt keine Ausnahmen und damit auch nicht Möglichkeiten und Tricks, sich ungerechtfertigt zu bereichern oder zu bedienen. Das wäre bereits die erste Stufe, den Staat seinen Bürgern wieder näher zu bringen. Die zweite, nicht weniger bedeutende Stufe ist die Schaffung von neuen und geänderten Möglichkeiten der Beteiligung der Bürger an Entscheidungen des Staates.

 

Unser demokratisches, auf Parteien basierendes, repräsentatives politisches System ist mehr als renovierungsbedürftig. Der einzelne Bürger empfindet sich als bevormundetes, alle vier Jahre zu fragendes Stimmvieh, das bei wichtigen einzelnen Entscheidungen keinerlei Einfluss hat. Die Wahlen selbst sind durch das starre Parteiensystem eine Farce. Denn der Wähler kann nur über ausgeklüngelte Listen von Personen entscheiden, die nicht wegen ihrer persönlichen Autorität und Integrität, ihres Könnens oder ihrer politischen Ziele ausgewählt wurden. Hauptkriterien zur Erlangung eines Listenplatzes oder einer Kandidatur sind Parteizugehörigkeit und Mitgliedschaft in der richtigen Seilschaft innerhalb der Partei. Letztlich sind die Hinterzimmer der momentan demokratischste Ort in unserer Gesellschaft. Hier fallen die Entscheidungen, hier werden die Repräsentanten und Delegierten gewählt oder wird zumindest der Personenpool bestimmt, aus dem am Ende auch der Bundeskanzler hervorgeht.

 

Der Souverän hat die Wahl zwischen Rot oder Schwarz, überspitzt formuliert: zwischen Pest und Cholera. Diese geringe Möglichkeit der Einflussnahme hat zu einer breiten Abstumpfung in der Bevölkerung geführt. Besonders deutlich wird dies bei Europawahlen: Über 80 Millionen Deutsche sollen von 99(!), den meisten völlig unbekannten Personen repräsentiert werden. Wie soll eine Person die Interessen von knapp einer Million Bürger vertreten? Selbst beste Absichten unterstellt, kann dies nicht wirklich funktionieren! Das Ergebnis ist die Loslösung der Führung von den Bürgern. Das Interesse am Staat ist erlahmt.

 

Ein gesunder Staat aber braucht engagierte Bürger. Das Ziel muss wieder klar werden: Wir alle, jeder Einzelne unter uns arbeitet an der Schaffung unseres Paradieses nach seinem Vermögen mit. Jeder ist verantwortlich! Ein gesundes Gemeinwesen darf Entscheidungen nicht Hinterzimmern überlassen. Es muss den Mut haben, neue Wege zu gehen. Denn niemand weiß alles! Nur aus der Vielzahl der Meinungen kann sich der beste Weg herauskristallisieren, der dann von souveränen Menschen auch konsequent mitgetragen wird. Das Zielmodell können also nur der Ausbau der Mitbestimmung und offene Diskussion sein.

 

Um dies zu erreichen, müssen wir uns mehr als bisher der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien bedienen. Was in weiten Teilen der Wirtschaft schon lange eine Selbstverständlichkeit ist, hat in unsere gesellschaftliche Entscheidungsfindung bisher noch kaum Eingang gefunden. E-Democracy mit E-Voting (Wahlen), E-Participation (Bürgerbeteiligung und -kooperation) und E-Campaining (Durchführung politischer und gesellschaftlicher Kampagnen) - alles per Internet - sind nur einige Schlagwörter, die diesen Weg kennzeichnen könnten. Wichtig in diesem Zusammenhang ist jedoch nur die anzustrebende Motivationssteigerung des Einzelnen. Er muss die Möglichkeit bekommen, an der Diskussion teilzunehmen, seine Meinung mitzuteilen, Verantwortung für sich und das Ganze zu entwickeln und zu empfinden. Natürlich kann nicht jede Entscheidung endlos diskutiert werden. Aber es wäre denkbar, beispielsweise pro 2.000 Bürger einen Vertreter zu bestimmen, der an Vorschlägen/Abstimmungen der nächsten Ebene (Kreis/Bezirk/Land) beteiligt ist. Dieser Vertreter wäre jedem Bürger persönlich bekannt, auch ansprechbar und sollte möglichst über eine natürliche Autorität (Lebenserfahrung, Wissen, Ausstrahlung et cetera) verfügen. Er könnte zudem bei interessanten Themen vor Ort Versammlungen durchführen und so in der Diskussion seine Meinung bilden und diese weitergeben. Abstimmungen könnten auch nicht nur in Form simpler und leicht zu manipulierender Ja/Nein-Abstimmungen, sondern mit Multiple-Choice-Fragebögen durchgeführt werden. Die Auswertung erfolgt dann per Computer und das Ergebnis wird zu neuen verfeinerten Vorschlägen umgearbeitet.

 

Der Möglichkeiten sind viele - man muss nur wollen! Durch die Geschwindigkeit und Leichtigkeit der Auswertung der modernen Informations- und Kommunikationsmedien wäre es kein Problem, die Zahl der Abstimmungen und der kommunizierten Vorschläge deutlich zu erhöhen. Es wäre zudem nicht nötig, ständig alle Abgeordneten an einem Ort zu versammeln. Ihr Kontakt zum Bürger wäre intensiver und der Informationsaustausch wechselseitiger als bisher. Prinzipiell ist natürlich auch über die Ebene der zu treffenden Entscheidung nachzudenken. Regionalisierung erscheint mir dabei deutlich wichtiger als Zentralisierung. Die Menschen sollten für das, was sie direkt betrifft, auch direkt verantwortlich sein. Wobei natürlich die persönliche Verantwortung auch das Ganze betrifft.

 

Fazit: Im Zentrum einer glücklichen Gesellschaft steht eine humanistische Sicht der Dinge. Sie ist die einzige Sicht, die uns als Menschen zusteht. Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Handelns. Dies erfordert die Mitwirkung aller und das Engagement jedes Einzelnen. Belohnung ist die größtmögliche Verwirklichung der individuellen Möglichkeiten - eine Harmonisierung des Menschen mit seiner Umwelt und letztlich eine Annäherung an das Paradies. Unsere Zukunft geht uns deshalb alle an!

 

 

Franz Stadler lebt und arbeitet als selbstständiger Unternehmer in der Nähe von München. 

 

 

 

 

 

 

  autor: Franz Stadler
 

aus: changeX - Das unabhängige Online-Magazin für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft - Ausgabe 04/2005

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