07 Oktober 2005

Weder Fisch noch Fleisch

Ein nettes Experiment ist, einem Menschen ein undefinierbares Etwas in die Hand zu geben, und ihn damit zu beauftragen, eine persönliche Beziehung zu diesem Unding aufzubauen. Er wird es in der Regel nicht schaffen, bevor das Unbekannte keinen Namen hat. Als erstes wird er daher versuchen, es zu definieren und zu kategorisieren, mit Bekanntem vergleichen, und es schließlich sezieren und auseinander nehmen. Solange, bis er dem Ding einen Namen geben kann. Zumeist wird er es erst anschließend lieben können.

Tatsache ist: Wir haben fortwährend den Drang, uns ein Bild von dieser Welt zu formen. Es entspricht einer grundlegenden Eigenschaft des Menschen, die eigene Umwelt erfahrbar und vorhersehbar zu machen, und das potentielle Risiko jedes Exotischen so gering wie möglich zu halten. So lauter dieses Vorgehen auch ist, stellt sich einzig die Frage, wem wir im Zweifelsfall den Vorzug geben - unseren gewohnten Parametern oder aber der unleugbaren Vielgestaltigkeit einer Welt.

Solange wir unsere Definitionen bedingungslos unseren Erfahrungen unterstellen, und sie uns lehren lassen, diese Welt immer wieder mit neuen Augen zu sehen, beschreiten wir einen gesunden & nützlichen Weg. Dies bringt mit sich, unser Weltbild andauernd expandieren zu lassen und unsere Begriffsbestimmungen dort auszudehnen, wo uns bis dato Unbekanntes gegenüber steht. Niemals nämlich ist es an dieser Welt, sich unseren engen Rastern unterzuordnen, sondern es ist an uns, unsere Vorstellungen behutsam an die Weiten des Möglichen zu gewöhnen.

Überwiegend beschreiten wir jedoch den umgekehrten Weg und lassen das Motto "quadratisch, praktisch, gut" über uns regieren. In dieser Weise passen wir nur selten unsere üblichen Termini einer gegebenen Vielfalt an, sondern degradieren selbst noch die Unendlichkeit zu einer definierten Maßeinheit. Wir verlieren uns in den beengten Stallungen unserer vertrauten Betrachtungsweisen und verschließen unsere Augen vor dem Facettenreichtum jedweden Ichs. Unser Horizont bleibt derweil beschränkt und überschaubar, denn was wir nicht kennen, macht uns nicht selten Angst.

Diese Angst zuzulassen und uns zeitgleich im Verstehen zu üben, kann hingegen ein möglicher Weg zur Wahrheit sein. Davon abzulassen, unseren Erfahrungshorizont mittels Klassen, Rassen und Rubriken andauernd passgerecht zu machen, und dort, wo wir nicht weiter wissen, mit dem Soll einer Norm zu argumentieren, kann uns im Nebeneffekt unsere wesenseigene Fülle eröffnen. Vielleicht nicht nur ein Weg zur Wahrheit, sondern ebenfalls zum Frieden - denn wo wir uns selbst die Vielzahl an Gesichtern erlauben, da gelingt uns dies ebenso in Konfrontation mit einer Welt.

Individualität, Entdeckungslust und Unvoreingenommenheit sind demnach die geeigneten Wegweiser durch den Dschungel unseres Selbst. Sobald wir aber begreifen, dass nicht zuletzt unser Ich ein unentdecktes Reich ewigen Neulands ist, werden wir auch unsere Angst vor Heterogenität und Unwägbarkeiten verlieren.

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08 September 2005

Nähe – unser schwerstes Stück?

Zu sehen, welche Anstrengungen Menschen unternehmen, um sich vor Nähe zu schützen, Neurosen und Verletzung pflegen, nur, um das Du auf sicherem Abstand zu halten, eigenen Raum verteidigen, als gelte es, diesen vor feindlicher Übernahme zu bewahren, macht rat- wie verständnislos zugleich. Haben uns Erziehung, Gesellschaft und Leben unfähig gemacht für die beliebige unvoreingenommene Begegnung? Sind die Grenzen unseres Ichs derart labil, dass wir es lieber freiwillig in Ketten legen und im Kerker verwahren, als es bloß und ungeschützt zu wissen? Geben wir tatsächlich unsere letzten Geheimnisse preis, wenn wir unser Innerstes einem Außen offenbaren? Oder aber: Tut Nähe weh...?

Sicherlich stimmt einem die Mehrheit noch darin zu, dass diese Welt eine bessere wäre, würden wir sie mit Liebe anstelle mit Distanznahme füllen. Würden wir die Reserve gegen die Nahbarkeit tauschen. Geht es aber darum, diese Nähe eigens zu leben, ziehen wir oftmals den Krieg dem Frieden vor. Scheitern an unseren Konzepten, die uns Schutz statt Begegnung empfehlen. Verletzten, um nicht verletzt zu werden. Rechtfertigen unseren Angriff als Verteidigung - und waren dennoch nie in Gefahr. Und vollbringen somit nicht im Persönlichen, was uns im Globalen unbedingte Forderung ist.

Verwundern mag, dass uns Nähe explizit als Hochheiliges, Besonderes gilt. Denn wenn wir der Nähe immer wieder ihre "Außer-gewöhnlichkeit" attestieren, dann muss es wohl die Distanz sein, die uns gewohnt-natürlicher Zustand ist. Ein Schluss, den die allgegenwärtige Erfahrung lediglich bestärkt. Wir teilen Nähe, Intimität, Vertrauen mit den wenigen, den Erlesenen, den Geliebten. Wen oder was teilen wir mit den anderen?

Unsere Annahme ist: Wenn wir uns öffnen, laufen wir Gefahr, Verletzung zu erfahren. Kaum jemand, der daher nicht über extraordinäre, raffinierte Schutzmechanismen verfügt, um diesen Fall nicht zur Regel, sondern zur seltenen bis selteneren Ausnahme zu machen. Distanz wird zur Norm, Nähe zum Sonderfall. Wir trainieren den lautlosen Dolchstoß, anstelle die Heilung zu proben, und uns darüber hinaus im fachkundigen Umgang mit Nähe zu üben. Zu groß unsere Angst, eigens wiederholt Opfer zu werden. Zu ausgeprägt unser Defizit, Abstand zu gewähren, um trotzdem und gleichwohl in Freiheit zu lieben. Leben und leben zu lassen, ganz ohne hierbei unempfindlichen Wehrturm für uns und unsere Angst zu errichten.

Opfer, Verletzung, Schutz & Verteidigung – Vokabeln des Kriegs und nicht solche der Liebe. Und dennoch ist es nicht die Nähe, die uns oder einen zweiten verletzt. Tatsächlich ist es die Distanz, die prophylaktische gleichermaßen wie die, die der Nähe folgt, die einzig und allein Triebfedern des Schmerzes sind. Denn: Nähe tut nicht weh. Es ist jedes Mal die Distanz, die den Schwertführer mimt.

Nähe macht uns deshalb Angst, da sie die Option auf unfreiwillige Entfernung in sich birgt. Wir haben Angst vor der Distanz – und schützen uns vor der Nähe. Folgerichtig oder falscher Schluss?

Was aber, wenn wir beginnen, uns vor Verletzung zu schützen, indem wir die ursächliche Distanz anstelle der Nähe vermeiden? Wenn wir lernen, Nähe angstfrei zu gestalten? Was, wenn wir begreifen, dass unser Ich zugleich trauriges wie freudiges Faktum, niemals aber ein Grund zur Befürchtung ist? Wenn wir die Nähe zum natürlich-gewohnten Zustand erheben, und die Distanz wiederum auf den Platz eines unbedingten Sonderfalls verweisen? Was, wenn wir endlich Nähe mit den vielen und Distanz mit den wenigen teilen?

Schon einmal versucht?

Diese Welt braucht unsere Einsicht. Nähe – unser schwerstes Stück?

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